hauptmotiv

BEHAR BECHUKOTAJ

Maßnahmen gegen die Schere zwischen Arm und Reich

Auslegung von Rabbinerin Offenberg

„Ich glaube an die Unantastbarkeit und an die Würde jedes einzelnen Menschen.
Ich glaube, dass allen Menschen von Gott das gleiche Recht auf Freiheit gegeben wurde.
Ich verspreche, jedem Angriff auf die Freiheit und der Tyrannei Widerstand zu leisten, wo auch immer sie auftreten mögen.“

Seit meiner Kindheit begleitet mich der Klang der Freiheitsglocke und ihr Versprechen aus dem Berliner Rathaus Schöneberg. Jeden Sonntagmittag wurde und wird sie im Radio übertragen, eine Art säkularer Sonntagsgottesdienst.

Wenig bekannt ist es, dass die Tradition der Liberty Bell auf unserem Wochenabschnitt „Behar“ fußt: Dort geht es um die Vorschriften für Sabbatjahr und Jobeljahr. Alle sieben Jahre soll der Boden ruhen und nicht bestellt werden, und wir sollen darauf vertrauen, dass Gottes Erde genug hervorbringt, um uns alle satt zu machen. Eine Balance in der Schöpfung kann nur gewahrt werden, wenn die Natur auch vor menschlichen Eingriffen bewahrt bleibt. Beim Jobeljahr hingegen geht es um ein zwischenmenschliches Geschehen. Alle fünfzig Jahre sollen die Vermögensverhältnisse ausgeglichen werden. Wer durch Missernten, Dürre, Krieg oder persönliches Unglück gezwungen war, seinen Grund und Boden zu verkaufen, sollte nicht für immer gezwungen sein, sich als Knecht verdingen zu müssen, verurteilt zu einem Leben in Armut und Abhängigkeit.

Auch zu biblischen Zeiten wusste man schon, was uns heute Wirtschaftsforscher detailliert nachweisen: Vermögen aus Erträgen von Grundbesitz und aus Kapitalanlagen wächst sehr viel schneller, als Einkommen aus Lohnarbeit und Umsatz. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter; Deutschland hat unter den Ländern der Eurozone die höchste Ungleichverteilung von Vermögen. 

Die Freiheitsglocke verweist auf den Kalten Krieg, der auch als Wettlauf der Systeme dargestellt wurde. Der Westen stand für die freie Marktwirtschaft, der Osten für die sozialistische Planwirtschaft. Die eine Seite verkündete Freiheit als höchsten Wert, die andere proklamierte die Gleichheit aller. Die Torah weist uns darauf hin, dass ökonomische Prozesse anderen Prioritäten folgen sollen. Sie ist kein kommunistisches Manifest, sie fordert nicht den Verzicht auf Besitz und soziale Ungleichheit. Aber es muss auch Regularien geben, die einen Ausweg aus Schuldenfalle, Freiheitsverlust und dauernder Abhängigkeit ermöglichen. Menschen können sich sehr wohl in ihren Lebensverhältnissen unterscheiden, aber für alle gilt eine Gleichheit hinsichtlich ihrer Würde. Das stellt dann auch die Begrenzung für die Freiheit wirtschaftlichen Handelns dar.

Die soziale Marktwirtschaft, die die Torah im Sinn hat, beruht auf einer ganz anderen Form von Herrschaft als der des Geldes. Gott sagt: „Denn mir gehören die Kinder Israels als Knechte, meine Knechte sind sie, die ich aus Ägypten herausgeführte habe“ (Lev 25:55). Vor Gott bleiben wir Knechte und Mägde, die nicht das Recht haben, sich über andere Menschen zu erheben. Und auch die Erde ist uns nur treuhänderisch anvertraut. Es heißt in unserem Wochenabschnitt: „Der Boden darf nicht auf ewig verkauft werden, denn mein ist das Land, denn Fremdlinge und Gäste seid ihr bei mir“ (Lev 25:23).

Es mag überraschen, dass wir diese Vorschriften im Dritten Buch Moses, gegen Ende des sogenannten Heiligkeitskodexes lesen. Diese Bezeichnung rührt daher, dass sich der größte Teil des Buches mit sogenannten „heiligen“ Dingen befasst, also mit dem Heiligtum, mit ritueller Reinheit und der korrekten Darbringung der Opfer, um Nähe zu Gott herzustellen. Aber Heiligkeit drückt sich nicht allein im Gottesdienst aus, sondern in unserer Gesellschaftsordnung. Können alle Menschen ein Leben in Freiheit und Würde führen? Heiligkeit ist nicht im Himmel zu finden, sondern auf der Erde. Nicht fromme Weltabgewandtheit, sondern Hinwendung zu den drängenden wirtschaftlichen, politischen und ökologischen Fragen unserer Zeit.

Schabbat Schalom!

Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung des Norddeutschen Rundfunks, dort gesendet am  24. Mai 2019.

14.05.2021 Artikelarchiv >>
Rabbiner & RabbinerinnenStrömungenPositionenBet DinPublikationenLinksImpressum
Bookmark für: Facebook
Home
logo der allgemeinen rabbinerkonferenz

© Allgemeine Rabbinerkonferenz
Meldungen

Presseerkärung

Die Allgemeine Rabbinerkonferenz (ARK) hat auf Ihrer Sitzung in Berlin am 23. Mai 2022 die Einrichtung unabhängiger Untersuchungsstellen bei der Universität Potsdam und dem Zentralrat der Juden zur Aufklärung der Vorkommnisse am Abraham Geiger Kolleg in Potsdam begrüßt. Sie ermuntert alle, die...

Lesen Sie mehr...

Zeuge der Zeit: Rabbi Dr. Henry G. Brandt - Von der Suche nach dem Verlorenen (Doku alpha 2018)


Paraschat Haschawua

BEHAR

Auslegung von Rabbiner Almekias-Siegl

Schmitta - "Das Land liege brach"

Schon im Wochenabschnitt Mischpatim haben wir von der Mizwa, das Schabbatjahr zu halten, gelesen: »Im siebenten Jahr aber liege das Land brach und verlassen da« (2. Buch Mose 23,11). Unsere Parascha enthält nun ausführliche Darlegungen dazu. Zweimal erwähnt die Tora, dass das Schabbatjahr ein Schabbat für Gott ist (Schabbat laschem): »So soll das Land einen...

20.05.2022   Lesen Sie mehr...