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WAJIKRA

Respekt vor dem einstigen Opferkult

Auslegung von Rabbiner Brandt

An diesem Schabbat beginnen wir in den Synagogen im Rahmen des Jahreszyklus der Torahwochenabschnitte mit dem Lesen des dritten Mosesbuches, Levitikus. In der rabbinischen Literatur trägt dieses Buch auch den Namen Torat Kohanim, die Lehre der Priester.

Der erste Teil dieses Buches befasst sich vorwiegend mit detaillierten Anweisungen in Bezug auf den Opferkult. Die Art der Tier-, Speise- und Trankopfer sowie die mit ihnen verbundenen Riten sind in genauen Einzelheiten niedergelegt, somit bleibt nichts der Willkür der jeweils amtierenden Priester überlassen. Selbstredend ist auch die von den Priestern erwartete moralische Lebenshaltung und gottorientierte Geistesverfassung nicht zu übersehen, denn die Opfer waren nicht nur religiöse Pflicht, sondern auch Gottesdienst. Anwendung fanden diese Vorschriften bereits während der Wüstenwanderung der Kinder Israel. Der Opferkult in seinen Einzelheiten wurde später, nach der Sesshaftwerdung im Lande Kanaan, von den verschiedenen Heiligtümern und hohen Plätzen übernommen und danach im Tempel zu Jerusalem eingeführt. Nur während des babylonischen Exils, im 6. Jahrhundert vor der modernen Zeitrechnung, nach der Zerstörung des ersten salomonischen Tempels und vor der Errichtung des Nachfolgebaus wurde der Opferkult ausgesetzt. Er fand endgültig mit der Zerstörung Jerusalems und der Brandschatzung des zweiten Tempels durch die Römer im Jahre 70 der modernen Zeitrechnung sein Ende

In der jüdischen Literatur wird des Opferkults auch heute noch mit Respekt gedacht. Nicht nur der Verlust des zentralen Heiligtums schmerzt über die Generationen hinweg noch immer. Pietät und Hochschätzung der Überlieferungen der Ahnen heischen verständnisvolles Einfühlen in die religiösen Ausdrucksweisen der Vergangenheit. Öfters bezieht man sich von außen etwas herablassend auf diesen Umstand und will damit zum Ausdruck bringen, man selbst habe solch primitive Ideen bereits abgelegt und sei deshalb über das Niveau des Judentums hinausgewachsen.

Da das Judentum bahnbrechend in der Entwicklung des opferlosen Gottesdienstes wirkte, braucht man seine Emanzipation aus der Phase des Opferkults nicht weiter unter Beweis zu stellen. Die liturgischen Hinweise und deren Verknüpfung mit Ausdrücken der Hoffnung auf eine zukünftige Restauration beinhalten unausgesprochen das Vertrauen, dass sich in der eschatologischen Zukunft, für die ja der Wiederaufbau des Tempels erwartet wird, die Art des dann angebrachten Gottesdienstes schon erweisen wird.

Man sollte sich vor Augen halten, dass zu biblischen Zeiten ein Gottesdienst ohne Tieropfer noch gar nicht denkbar war. Im Raum des gesamten Nahen und Mittleren Ostens war es einfach so üblich. Unsere Denkweise auf die Vergangenheit zurück zu projizieren, um diese zu beurteilen, ist einfach nicht zulässig, Man muss die Vergangenheit aus der Denkweise der damaligen Zeit heraus bewerten. Und darin hatte der Opferkult seinen festen, allgemein anerkannten Platz. Der Fortschritt des israelitischen Opferkultes bestand allemal darin, dass er allen heidnischen Elementen entsagte und insbesondere das Menschenopfer auf das Entschiedenste ablehnte und bekämpfte. Dazu kommt noch die Tatsache, dass den Opfern nicht nur religiöse, sondern auch eine klar erkennbare wirtschaftliche Bedeutung zukam.

Noch etwas ist zu diesem Thema zu sagen. Oft wird behauptet, die Propheten Israels hätten sich gegen den Opferkult gestellt. Zitate, die in diese Richtung weisen, gibt es viele, besonders die wohlbekannte Stelle im ersten Kapitel des Buchs Jesaja: „‚Was soll ich mit der Menge eurer Schlachtopfer?‘, spricht der Herr. ‚Satt habe ich das Brandopfer von Widdern und das Fett der Mastkälber, und das Blut der Stiere und Lämmer und Böcke mag ich nicht.‘“ Man vergisst oder übersieht zu oft das Gesamtbild der prophetischen religiösen Anschauungen. Denn weiter sprach Jesaja: „Tut hinweg eure bösen Taten, mir aus den Augen! Höret auf, Böses zu tun! Trachtet nach Recht, weiset in Schranken den Gewalttätigen; helfet der Waise zum Rechten, führet die Sache der Witwe.“ Es ging den Propheten allemal um die den Opfern entsprechende ethische Geisteshaltung und um den moralischen, gottgefälligen Lebenswandel. Nicht gegen die Opfer waren die Propheten, sondern gegen jeden Gottesdienst, der sich auf ein leeres Ritual beschränkt oder, schlimmer noch, Hand in Hand geht mit moralischer Verkommenheit.

Mögen wir aus der Zeit des Opferkultes auch herausgewachsen sein, uns auf eine höhere Ebene des Gottesdienstes begeben haben, vieles können wir trotzdem noch von unseren Vorfahren der damaligen Zeit lernen.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des rbb, dort gesendet am 07.03.2014.

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