hauptmotiv

SCHEMOT

Ein verirrtes Lämmchen weist den Weg

Auslegung von Rabbiner Brandt

Im entferntesten Teil der grausamen, trostlosen Wüste der Halbinsel Sinai zog ein Hirte mit seiner Herde Kleinvieh herum. Die glühende Hitze des Tages und der Mangel an Schutz vor den brennenden Strahlen der unbarmherzigen Sonne machte die Tiere träge. Es war nicht schwer, sie beisammen zu halten. Die Einsamkeit war nahezu absolut. Die extremen klimatischen Bedingungen sowie die immer gegenwärtigen Gefahren der Wüste sind dazu angetan, einen Menschen Bescheidenheit zu lehren, ihn spüren zu lassen, wie klein, unbedeutend, machtlos und vergänglich er ist. Der Hirte, von dem ich berichte, war diesmal besonders tief in Gedanken versunken. Seine Seele war schmerzlich bewegt von verlässlichen Berichten, die von der qualvollen Unterdrückung und Versklavung der Nachkommen Israels – zu denen er ja auch zählte – sprachen. Er entsann sich seiner Jugendjahre, die er als Prinz am glanzvollen Hofe des Pharaos von Ägypten verbrachte. Ein gedankenvolles, trauriges Lächeln umspielte seine Lippen, als er an sein jähzorniges Eingreifen gegen den Sklavenaufseher bei der Baustelle in der Nähe von Ramses dachte. Auch jetzt noch konnte er darüber keine Reue empfinden, obwohl er, hätte er sich damals bedachter verhalten, heute noch am Hofe Pharaos leben würde, mit all den damit verbundenen Möglichkeiten, dort mehr für seine Brüder unternehmen zu können als in der – anscheinend – gottverlassenen Ecke der Wüste Sinai.
Sollten die Legenden recht haben, beschäftigte sich unser Hirte im Geiste auch mit Gedanken über seine eigenen Fähigkeiten und Aufgaben. Erst kürzlich war ihm etwas passiert, das ihn mehr berührte, als es den Umständen nach eigentlich hätte sollen.
Vor einigen Tagen nämlich hatte der Hirte bemerkt, dass ein kleines Schäfchen sich von der der Herde entfernt hatte. Seine Spuren konnten in der Wüste leicht verfolgt werden und der Hirte eilte ihm nach, denn er fürchtete, das wehrlose Tier könnte einem Raubtier zum Opfer fallen oder vor Hunger oder Durst umkommen Plötzlich sah er das Lämmchen in der Ferne, an einer kleinen Quelle am Rand eines Felsenabgrundes gierig trinken. Behutsam näherte er sich dem kleinen Tierchen und hob es in seine Arme. „Du armes, kleines Wesen“, sprach er zu ihm, „hätte ich gewusst, wie durstig du warst, hätte ich dich selbst zur Quelle gebracht.“ Damit hob er es sanft auf seine breiten starken Schultern und trug es zurück zur Herde.
Diese kleine Episode gab ihm keine Ruhe. Hatte er versagt oder nicht? Er konnte ja nicht wissen, dass – wie uns die Legende berichtet – Gott ihn beobachtet und entschieden hatte: „Groß ist dein Mitleid, o Moses. Weil du so mit diesem kleinen Tier verfahren hast, sollst du der treue Hirte meines Volkes Israel werden.“ Ob Moses, - denn er ist natürlich der Hirte von dem ich Ihnen hier erzähle, - jemals den Zusammenhang zwischen dieser kleinen Episode und der noch in den Schleiern der Zukunft verborgenen Entwicklung seines Lebens erkannte, kann ich Ihnen nicht sagen. Auf jeden Fall zeigten sich die konkreten Folgen sehr bald. Der Abschnitt der Torah, der diesen Schabbat in den Synagogen verlesen wird, berichtet uns darüber.
Als Moses so mit seiner Herde durch die Wüste wanderte, sah er plötzlich etwas ganz Wunderbares. Verblüffendes. Einer der in dieser Gegend aufzufindenden Dornbüsche stand lichterloh in Flammen, wurde aber nicht verzehrt. Zaghaft trat Moses näher, um dieses Phänomen besser zu betrachten. Da hörte er aus dem Busch – oder war es durch die Kanäle seiner Seele? – die Stimme Gottes. Es wurde die Stunde der Entscheidung. Unausweichlich wurde ihm die Aufgabe gestellt, den Tyrannen zu konfrontieren, das Volk Israel aus Ägypten – aus der Sklaverei in die Freiheit –zu führen. Der Hirte von Ziegen und Schafen sollte zum Hirten Israels werden. Und seit Moses war keiner mehr wie Moses.
Viele Kommentatoren und Denker haben sich Gedanken gemacht, warum gerade der unfruchtbare, unschöne und unwirtliche Dornbusch auserwählt wurde, Ort des göttlichen Rufs zu sein. Hier einige der Erklärungsversuche: Rabbi Schimon bar Jochai sah im Dornbusch ein Symbolder ägyptischen Sklaverei, denn wie ein Vogel, der sich darin verirrt, nicht wieder heil und unversehrt entkommen kann, so ist auch bis zum Auszug Israels noch nie ein Sklave aus er ägyptischen Unterdrückung entronnen. Rabbi Josi sieht darin eher eine Anspielung auf das Schicksal und die Geschichte der Kinder Israel. Er erklärte: Da im Dornbusch die Stachel nach unten gewandt sind, kann man eine Hand unversehrt hineinstecken. Erst, wenn man sie wieder herausziehen will, wird sie von den Dornen eingefangen und festgehalten. Als Jakob-Israel nach Ägypten kam, empfingen ihn die Ägypter in Ehren und Freundschaft. Als die Israeliten aber wieder ausziehen wollten, wurden sie gefangen und zurückgehalten. Eine weitere Erklärung betont den Umstand, dass der Busch brannte, aber nicht verzehrt wurde. Dies sollte Moses beruhigen und ermuntern. Hätte er doch glauben können, es würde den übermächtigen Ägyptern gelingen, Israel zu vernichten.
Deshalb zeigte Gott Moses den brennenden Busch, der aber heil blieb. Wie dieser Busch brennt, aber nicht verzehrt wird, so wird auch Ägypten Israel nicht zerstören können.
Zuletzt eine Erzählung von Rabbi Jehoschua ben Korcha. Dieser wurde einmal von einem Heiden gefragt: „Warum sprach Gott aus seinem Dornbusch und nicht aus einem anderen Baum?“ Darauf antwortete der Rabbi: „Hätte Er aus einem anderen Baum gesprochen, hättest du mich gefragt: ‚Warum hat er aus diesem Baum gesprochen?‘ Aber ohne Antwort kann ich dich trotzdem nicht lassen. Also, warum aus dem Dornbusch? Um uns zu lehren, dass es keinen Platz auf der Welt gibt, wo Gottes Gegenwart nicht zu finden ist; selbst im Dornbusch in der wildesten Wüste.“
Also, es gibt keinen Platz auf der Erde, in der Schöpfung, wo Gottes Gegenwart nicht ist! Von wo, aus was heraus spricht Gottes Stimme uns heute an?

Aus: Henry G. Brandt, "Süßer als Honig", JVB, Berlin 2007


08.01.2016 Artikelarchiv >>
Rabbiner & RabbinerinnenStrömungenPositionenBet DinPublikationenLinksImpressum
Bookmark für: Facebook
Home
logo der allgemeinen rabbinerkonferenz

© Allgemeine Rabbinerkonferenz
Meldungen

Rosch Haschana 5778

Optimismus auf einer starken Basis

Rosch Haschana ist für uns Anlass zu einer selbstkritischen ausgewogenen Bestandsaufnahme und zu mutigen Entschlüssen


von Rabbiner Dr. h.c. Henry G. Brandt

"Möge das Jahr mit seinen...

Lesen Sie mehr...

Portrait Rabbiner Henry Brandt


Paraschat Haschawua

SCHABBAT SCHUWA

Auslegung von Rabbinerin Ederberg

Teschuwa in vier Schritten

Gute Vorsätze haben wir Alle, besonders zu Neujahr, aber meist wird nicht viel aus ihnen.
Schon im Begriff der ‚guten Vorsätze‘ schwingt ja mit, dass es eben meist bei den ‚Vorsätzen‘
bleibt und nicht zur Tat kommt. Trotzdem sollten wir nicht unterschätzen, dass schon mit der
Formulierung dieser Vorsätze ein wesentlicher Schritt...

22.09.2017   Lesen Sie mehr...