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EMOR

Priesterliche Reinheit in der Corona-Krise

Der Wochenabschnitt der Tora für diesen Schabbat verlangt absolute Reinheit und körperliche Makellosigkeit des Priesters. Der Abschnitt trägt den Titel „Emor“ und steht im dritten Buch Mose, ab Kapitel 21. Er beginnt mit den Worten:  „Und der Ewige sprach zu Mose: Sprich zu den Priestern, den Söhnen Arons, und sage ihnen: Er soll nicht unter seinem Volke verunreinigen…“ (Lev. 21,1)
Es folgen zahlreiche Bestimmungen, was dem Priester verboten ist, was ihn verunreinigen oder seine physische Unversehrtheit beeinträchtigen würde.

Wofür steht diese Perfektion, die vom Priester verlangt wird? Vor dem Horizont der jetzigen Virus-Epidemie stehen die priesterlichen Vorschriften für mich in einem ganz neuen Kontext.
Um die Opfer darbringen zu dürfen, durfte der Priester keinen Leibesfehler haben, keine Gebrechen aufweisen. Sonst wäre er untauglich. In der Tora begründet Gott diese Bestimmungen damit, dass er selbst heilig ist und die Priester durch ihn geheiligt sind. Sie bringen die Opfer dar, sie sind Repräsentanten eines Systems, dass Reinheit und Unversehrtheit verlangt, um durch Rituale die Beziehung mit Gott zu leben.
Fast dieselbe Makellosigkeit, die vom Priester verlangt wird, gilt auch für die Opfertiere. Im darauffolgenden Kapitel 22 steht, dass sie ohne Leibesfehler sein müssen. Ein krankes Tier darf Gott nicht dargebracht werden.

Ich lese die Bestimmungen und frage mich, was sie uns heute bedeuten können. Will Gott – wenn es um seine Repräsentation, um seinen Tempel und seine Priester und seine Opfer geht – nur Makellosigkeit, nur Perfektion?
Wie steht er zu dem Nicht-Perfekten? Den Tieren mit einem Gebrechen? Den Söhnen aus Priesterfamilien, die unter einem Gebrechen leiden? Und vor allem, wie steht er zu Menschen, die aus irgendeinem Grund unrein geworden sind? Sind sie alle minderwertig für den Tempeldienst?

Der Opferkult ist im Judentum schon lange abgeschafft. Auch haben die Priester, die Kohanim, so gut wie keine Funktion mehr. Aber die Idee der priesterlichen Reinheit und auch die allgemeinen rituellen Reinheitsvorschriften existieren noch immer.

Ich würde die Bestimmungen gern so lesen wollen, dass nicht der Priester wegen seiner Reinheit und Makellosigkeit den höchsten Wert darstellt, sondern die Rituale, die er durchzuführen hatte. Diese Rituale dienten so gut wie alle der Herstellung von Nähe zu Gott. Wer aus irgendeinem Grund nach den archaischen Kriterien unrein geworden war, und dazu gehörten Krankheiten wie der Aussatz, konnte durch ein Heilverfahren mit einem dazugehörigen Ritual wieder rein werden und den Tempel betreten.
Der Priester fungierte hierbei als eine heilende Instanz – die in einem religiösen Sinn Reinigung ermöglichen konnte. Der Zustand seiner Makellosigkeit ist hier instrumentell zu sehen.

Schon in der Tora war das Priesteramt dahingehend demokratisiert worden, dass Gott vom ganzen Volk Israel verlangte „eine Priester-Nation“ zu sein – also ein Volk, in dem jeder sein eigener Priester ist und für seine priesterliche Reinheit verantwortlich ist.
Ich meine, dass dieser Gedanke gar nicht so weit von der heutige Verantwortung aller ist, mit Regeln der Distanzierung, des „sich-rein-Haltens“, die Epidemie zurückzudrängen. Lässt sich der Virus, gegen den unsere Gesellschaft gerade kämpft, nicht auch mit einer heutigen Art der Verunreinigung vergleichen? Ich meine Ja – und auch dass der Kampf gegen sie eine religiöse, ja eine priesterliche Dimension enthält.

Schabbat Schalom

15.05.2020 Artikelarchiv >>
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