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KI TISSA

Sei du selbst!

Warum Vorbilder heute mehr denn je eine Rolle spielen – und weshalb man sich trotzdem treu bleiben sollte

Auslegung von Rabbiner Ronis

»Wichtig ist, dass man nicht aufhört zu fragen. Neugier hat ihren eigenen Seinsgrund. Man kann nicht anders als die Geheimnisse von Ewigkeit, Leben oder die wunderbare Struktur der Wirklichkeit ehrfurchtsvoll zu bestaunen. Es genügt, wenn man versucht, an jedem Tag lediglich ein wenig von diesem Geheimnis zu erfassen. Diese heilige Neugier soll man nie verlieren.» Dieses Zitat stammt von Albert Einstein. Der behauptete von sich, nicht besonders intelligent zu sein, doch beschäftigte er sich gern länger mit einem bestimmten Problem.

Im Gegensatz zu Einstein fällt es vielen Menschen schwer, sich in eine Sache tief hineinzudenken. Doch um erfolgreich zu sein, sei es im Privatleben oder im Beruf, benötigt man diesen Fokus. Darum suchen wir uns oft Vorbilder, von denen wir etwas abschauen und lernen können. Ich denke, dass Vorbilder heute wegen ihrer medialen Ausstrahlung mehr denn je eine Rolle spielen. Sind wir doch durch Internet, Fernsehen und Radio informierter, als es unsere Vorfahren je waren.

Neuigkeiten über jemanden gelangen innerhalb von Sekunden zu uns – auch die unglücklichen Entgleisungen eines berühmten Sportlers, über dessen Schicksalsschlag wir mehr wissen wollen, oder die Skandale von Prominenten. Unsere Vorbilder scheinen eines gemeinsam zu haben: Sie wackeln allesamt und verlieren in unseren Augen dadurch an Achtung, büßen gar ihre Vorbildfunktion ein.

FEHLER

Doch warum suchen wir nach Menschen mit Vorbildcharakter? Wozu brauchen wir Leute, zu denen wir aufschauen können? Eine moralische Instanz zu sein, ein Vorbild, ist eine enorme Herausforderung. Menschen, an denen wir uns orientieren, haben kein leichtes Leben. Sie stehen im Vordergrund und werden oft zu Rate gezogen. Doch sie bleiben Menschen, mit all ihren guten und ihren schlechten Seiten.

Sehen können wir das an den Vorbildern in der Tora. Nehmen wir Mosche: Er vermochte es, mit Gott direkt zu sprechen. Aber auch ein so weiser und bescheidener Mann wie Mosche beging Fehler. So schlug er zum Beispiel mit seinem Stab gegen einen Stein – aber nicht nur einmal, wie Gott es ihm befohlen hatte, um Wasser hervorzubringen, sondern zweimal. Er tat es aus Wut auf das Volk Israel, das gegenüber den Wundern Gottes blind zu sein schien. Die Strafe für Mosche war sehr drastisch: Nach 40-jähriger Wanderschaft durch die Wüste durfte er das Gelobte Land nicht betreten und starb auf der «falschen Seite» des Jordans.

MASSSTÄBE

Obwohl für uns, die Kinder Israels, höhere Maßstäbe zu gelten scheinen und wir an uns auch höhere Maßstäbe anlegen, sind wir doch nicht vor Fehlern gefeit. In der Parascha Ki Tissa haben wir uns einen ganz besonderen Fauxpas erlaubt. Es handelt sich um die größte Sünde, die man in der Tora gegen Gott begehen kann: Götzendienst. Was war passiert?

Kurz gefasst: Wir waren am Berg Sinai und warteten auf Mosche, der von Gott persönlich Gebote bekam. 40 Tage und Nächte blieb er auf dem Berg, und wir bauten in der Zwischenzeit einen goldenen Götzen – ein Kalb aus purem Gold. Wie kann ein Volk, dass so viele Wunder erlebt hat, so eine Sünde begehen und etwas derartiges anfertigen?

Darauf eine einfache Antwort zu finden, ist nicht leicht. Man stelle sich den Auszug und die Wunder vor, die wir gesehen haben – und trotzdem begingen wir eine solche Sünde. Das Volk Israel hat sich also an Gott versündigt und Mosches Vertrauen missbraucht. Es war leider blind für die Wunder Gottes und begriff nicht, was es tat. Kaum war Mosche den Berg hinaufgestiegen und erhielt die Zehn Gebote von Gott, da feierte das Volk zügellose Feste und baute sich einen goldenen Götzen.

Eine Erklärung dafür könnte darin bestehen, dass wir taten, was wir bei den Ägyptern gelernt hatten, oder dass wir als Volk noch nicht genügend Vertrauen in Gott hatten. Deshalb nahmen wir uns die Ägypter als Vorbild.

CHANCE

In unserer Parascha lesen wir, dass das Volk Israel sich im Grunde genommen vor Gott «tödlich versündigt» hat (2. Buch Mose 32,10). Gott geht trotzdem mit den Kindern Israels einen Bund ein. Er bestraft sie zwar, aber lässt das Volk am Leben. Er gibt uns also eine weitere Chance.

Dieses Beispiel aus der Tora soll uns zeigen, dass es kein perfektes Volk und keine perfekten Menschen gibt. Selbst die Weisesten begehen Fehler und müssen dafür geradestehen. Aber viele Menschen suchen sich falsche Vorbilder, machen dadurch vieles falsch und richten großen Schaden an.

Doch Fehler zu machen, ist ein Teil der menschlichen Natur. Nur haben wir zeitlebens die Aufgabe, aus ihnen zu lernen. Es ist nicht wichtig, ob der Mann oder die Frau neben uns viel erfolgreicher ist als wir. Viel wichtiger ist unser eigener Fortschritt auf unserem persönlichen Lebensweg. Diesen kann uns keiner abnehmen. Aber Vorbilder können uns in dem Wissen bestärken, dass sie selbst auch Menschen und als solche nicht vollkommen sind.

Gott möchte, dass wir lernen und verstehen – damit wir unseren eigenen Weg finden. Ohne Erziehung und Unterweisung ist der Mensch dem Tier gleich. Darum ist es unsere Aufgabe, ein Leben lang zu lernen und auch unsere Kinder zu unterweisen. Damit sie sich an Vorbildern orientieren können, aber ihren eigenen Lebensweg finden.

Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung der Jüdischen Allgemeinen, dort erschienen am 22. Februar 2019.

20.03.2020 Artikelarchiv >>
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