hauptmotiv

SCHEMOT

Der König, der Joseph nicht mehr kannte

Auslegung von Rabbiner Nils Ederberg

I
Diese Woche lesen wir in den Synagogen den ersten Abschnitt des Buches Exodus. Der Exodus ist die Befreiung des jüdischen Volkes aus der Sklaverei in Ägypten. Gott hörte die Klagen des unterdrückten und geknechteten Volkes und schickte Moses, der mit Hilfe der zehn Plagen Pharao dazu brachte, die Juden ziehen zu lassen.

Diese Befreiung aus Ägypten ist das entscheidende Ereignis der jüdischen Geschichte und wurde zum Sinnbild der Hoffnung auch vieler anderer unterdrückter Gruppen und Völker in der Welt. So etwa im Lied ‚oh pharaoh, let my people go‘, einer der Hymnen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

Heute aber lesen wir am Anfang des Buches Exodus noch nicht vom guten Ende, von der Befreiung, sondern erst einmal davon, wie aus einem nachbarschaftlichen und friedlichen Miteinander Verfolgung und Mord wurden. „Ein neuer König herrschte über Ägypten, der Joseph nicht kannte. Und er sagte zu seinem Volk: Schaut, dass Volk der Kinder Israel ist viel zu zahlreich für uns. Lasst uns schlau sein, damit es nicht zahlreicher wird.“

Der König wusste nichts mehr von Joseph, der die Ägypter vor der großen Hungersnot gerettet hatte. Er wusste nicht mehr, dass sich die Juden aus Dankbarkeit für Josephs Taten an den Grenzen Ägyptens ansiedeln durften. Wahrscheinlich bedeutet dies sogar, er wusste nichts und wollte auch nichts wissen. Dies ist der erste Schritt zu Angst und Hass – Ignoranz.

Danach kam Verfolgung. Die Juden mussten Zwangsarbeit leisten, schließlich wurden all ihre männlichen Kinder umgebracht. Aus Ignoranz wird Verfolgung - der zweite Schritt.

Für das jüdische Volk ging die Geschichte trotz allen Leidens noch einmal gut aus. Gott hörte ihr Schreien und schickte Moses, sie aus Ägypten zu retten.

II
Wir leben heute in einer Zeit, in der wir immer mehr von solchen Geschichten hören und in der sie uns in Mitteleuropa auch immer näher rücken. Menschen, die eine andere Sprache oder Religion haben, oder vielleicht auch nur dem falschen politischen Lager angehören, werden zuerst ausgegrenzt und zu Objekten des Hasses und der Angst. Dann beginnt Verfolgung und wer versucht, sich dagegen zu wehren, wird schnell als kriminell oder als Terrorist abgestempelt. Schließlich bleibt oft als einzige Option die Flucht.

Wir können alle die Länder nennen, in denen heute Menschen verfolgt werden und aus denen Menschen zu uns fliehen. Nicht nur zu uns nach Deutschland, nach Europa, sondern viel mehr noch in die direkten Nachbarländer.

Anstatt mich jetzt aber direkt an der heutigen Debatte über Flüchtlinge zu beteiligen, möchte ich versuchen zu zeigen, wie das Judentum mit dem Thema Verfolgung und Flucht umgegangen ist, was es daraus gelernt hat.

III
An Pessach erinnern wir uns dieses Auszugs. Wir sagen dabei ausdrücklich, wer sich nicht selber heute persönlich aus Ägypten gerettet sieht, der ist noch Sklave in Ägypten, sei er in Berlin, New York oder Tel Aviv. Auch an den anderen Festen erinnern wir uns an den Exodus, denn es hätte die Gabe der Tora am Sinai zu Schawuot ohne diesen Auszug nicht gegeben. Auch das Laubhüttenfest, das uns Gottes Fürsorge an die vierzigjährige Wanderschaft durch die Wüste ins Gedächtnis ruft, hätte es nicht gegeben.

Wir erinnern uns an den Exodus aber nicht nur bei unseren Festen, sondern auch stets, wenn es um Ethik geht. Die Bibel führt immer wieder die jüdischen Vorstellungen von moralischem Verhalten auf eine Forderung zurück: wir sollen daran zurück denken, dass wir einmal Sklaven in Ägypten waren, dass wir selber die Erfahrung der Unterdrückung gemacht haben. Darauf begründen sich die Solidarität mit den Unterdrückten und die Hilfe für Andere.

Gleichzeitig ist jüdische Ethik sich immer bewusst, dass wir eine kleine Gruppe sind und wir die Welt nicht retten, nicht grundsätzlich verändern können. Ethische Verantwortung fängt immer im Nahbereich an, für die Familie, für Freunde, für die eigene Stadt. Wer sich nicht zu Hause sozial verhält, der wird sich auch nicht nachhaltig um Andere kümmern. Im Nahbereich aktiv zu sein reicht aber nicht. Jüdische Ethik hat immer auch den Fremden im Blick.

Möglicherweise ist gerade dies ein Beitrag zur heutigen Debatte. Wir sollen froh sein, dass wir gerettet sind, wir sollen uns immer daran erinnern, dass wir verfolgt wurden und wir sollen unser Teil tun ohne uns einzubilden, die Welt insgesamt retten zu können. Zugleich beten wir aber jeden Tag darum, dass Gott diese Welt rettet und uns Erlösung schickt.

Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung des RBB, dort gesendet am 20.01.2017.


24.01.2020 Artikelarchiv >>
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