hauptmotiv

WAJISCHLACH

Zähes Ringen

Jakows Kampf am Jabbok lehrt, dass Israel trotz aller Widrigkeiten am Ende siegreich bleiben wird

Auslegung von Rabbiner Almekias-Siegl

Nachdem sie einander 20 Jahre nicht gesehen haben, macht Jakow sich mit einer großen Karawane auf den Weg, um seinen Zwillingsbruder Esaw zu treffen. An der Furt des Flusses Jabbok kommt es zwischen ihm und einem Mann zu einem nächtlichen Kampf. Dabei berührt der Mann Jakows Hüfte, sodass er Zeit seines Lebens hinken wird. Sein Name soll in Zukunft »Israel« sein. Am Ende heißt es: »Darum essen die Israeliten bis auf diesen Tag die Spannader nicht, die auf der Hüftpfanne liegt, denn an Jakows Hüftpfanne an der Spannader hat er gerührt« (1. Mose 32,33).

Dieses Gesetz ist eines der kompliziertesten und mysteriösesten in der Tora. Was will es uns lehren? Dazu widmen wir uns zunächst der Frage: Wer war dieser Mann, der mit Jakow rang? Es gibt Kommentatoren, die behaupten, er sei nicht von menschlicher Gestalt gewesen. Dafür spricht Jakows Äußerung am Ende des Kampfes: »Ich habe ein göttliches Wesen von Angesicht zu Angesicht gesehen, und mein Leben ist gerettet worden« (1. Buch Mose 32,31).

Engel

Der Raschbam, Rabbi Schmuel ben Meir (1085–1174), behauptet, Jakow habe vor seinem Bruder Esaw fliehen wollen, doch Gott schickte ihm einen Engel, der die Flucht verhindern sollte, und er erhielt das Versprechen des Höchsten, dass Esaw ihm nicht schaden könne.

Raschbams Auslegung leuchtet jedoch nicht ein. Ein Engel wäre doch durchaus in der Lage, Jakow allein mit Worten zum Vertrauen auf Gott zu gewinnen und könnte sich einen Kampf ersparen. Die Kommentare Raschis (1040–1105) und der Midrasch wirken überzeugender. Der Midrasch fragt: Wer war der Mann, und warum ist er gekommen, um mit Jakow zu kämpfen? Woher wusste dieses Wesen, dass Jakow nicht gegen ihn ankommt?

weisen

Rabbi Chanina bar Chama, einer der großen Weisen des Talmuds, meint: Dieses Wesen war Esaws Genius – ein Bote aus dem Himmel, der für Esaw zum göttlichen Schutzengel auf Erden bestellt war. Er war der Engel Smol, der mit Jakow rang und ihn töten wollte, noch bevor sich die beiden Brüder trafen. Dementsprechend sagt Jakow, als er seinen Bruder wiedertrifft: »Habe ich doch in dein Antlitz gesehen wie in das eines göttlichen Wesens« (1. Buch Mose 33,10). Jakow vergleicht das Gesicht seines Bruders nicht mit der Erscheinung der Schechina, der Gegenwart Gottes. Vielmehr haben die Engel im Allgemeinen den Titel »Elohim« erhalten.

Hier begegnet Jakow eher einem satanischen Engel, der Esaws Schutzengel ähnelt und als Botschafter der Eigenschaften des Gesetzes auftrat. Und so sagt Jakow: »Dein Gesicht sieht aus wie das Gesicht deines Engels, der im Himmel ist« (Bereschit Rabba, Wajischlach 77,3).

Wenn die Erklärung stimmt, dass Jakow mit Esaws Schutzengel gekämpft hat, dann können wir verstehen, warum dieser Kampf ausgerechnet an diesem Ort und in dieser Nacht stattgefunden hat. Bevor es zu dem Zusammentreffen der beiden Brüder kommen konnte, musste Jakows Geist zunächst mit Esaws Engel kämpfen und ihm den Segen abringen. Dann konnte der an der Hüfte verletzte Jakow seinem Bruder Esaw unter die Augen treten und ihn trösten.

Brüder

Unsere Weisen sahen in dem nächtlichen Kampf zwischen den beiden Brüdern ein Symbol für die Zukunft Israels, für die Zeiten, in denen sich Israel dem Hass anderer Völker ausgesetzt sieht, wenn es darum geht, sich in der Nacht der Diaspora vor den Feinden in Schutz zu bringen. Auch Rambam (1138–1204) versteht den Kampf so.

Der Midrasch Lekach Tov erklärt den Satz »Da rang ein Mann mit ihm, bis der Morgen anbrach (1. Buch Mose 32,24) folgendermaßen: Die Morgendämmerung, die sich um Israel ausbreitet, steht als Gleichnis für Israels endzeitliche Erlösung. Und die ihr vorangegangene Nacht steht für das Exil, die Diaspora. Die Völker und das Königreich Edom kämpfen gegen Israel, um Gottes Wege mit seinem Volk in der Geschichte wie Spuren im Sand zu verwischen und am Ende auszulöschen.

Weiter heißt es in der Erklärung des Midrasch: »Als er sah, dass er ihm nicht beikommen konnte« (32,26) bedeutet, dass das Volk Israel nicht aus der Einheit mit Gott herauszulösen ist.

Der Satz »Er fasste ihn am Hüftballen« (32,26) deutet auf die Beschneidung hin, die die anderen Völker Israel immer wieder verbieten. »Sodass Jakows Hüftballen bei dem Ringen verrenkt wurde« (32,26) bezieht sich auf diejenigen, die in Zeiten der Gefahr abtrünnig wurden. Auch Ramban (1194–1270) sieht in diesem Kampf eine Prophezeiung für die Zukunft des Volkes Israel.

spannader

Auf die Frage, welche Bedeutung hinter der Mizwa steckt, die Spannader nicht zu essen, gibt es viele Antworten. Rabbi Josef Bechor Schor (12. Jahrhundert) erklärt, dass der Kampf zwischen Jakow und dem Engel als Parabel dient, um zu zeigen, dass Israels Feinde nicht den Sieg davontragen werden. Das Verbot, die Spannader zu essen, soll dazu dienen, die Erinnerung an Jakow als Vater der Nation wachzuhalten und demjenigen die Ehre zu geben, den ein übermächtiger Feind nicht besiegen konnte. Jakows Kampf am Jabbok ist der Typus von Israels Kämpfen gegen das Böse, das ihm von innen und von außen droht. Er lehrt uns, dass Israel trotz immer wieder aufflammender Unruhen und kriegerischer Auseinandersetzungen schließlich siegreich sein wird.

Auch die Interpretation von Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) lässt keine Zweifel daran zu, dass Jakows Nachkommen die Spannader nicht essen dürfen: Während des Kampfes stellte sich heraus, dass der Engel nicht in der Lage war, Jakow zu besiegen. So durchtrennte er kurzerhand dessen Spannader. Damit war Jakow seiner physischen Kräfte beraubt und konnte nicht weiterkämpfen.

Physische Stabilität wird also kein Markenzeichen des angeschlagenen hinkenden Jakow/Israel sein. Außerdem erkennt Hirsch in dem Verbot, die Spannader zu essen, einen bleibenden Hinweis auf die generelle Schwäche und Niederlage der Materie. So wird daran erinnert, dass die Kraft des Volkes Israel in einem unsichtbaren Bereich liegt. Diese Kraft ist besser und viel stärker als Esaws Schwert, dem kein endgültiger Sieg verheißen ist.


Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung der Jüdischen Allgemeinen, dort erschienen am
04.12.2014.



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