hauptmotiv

SCHABBAT SCHUWA

Teschuwa als Therapie

Auslegung von Rabbinerin Klapheck

Bei Worten wie "Sünde" und "Umkehr", "Schuld" und "Vergebung" – schalten viele von uns zu Recht ab. Allzulang ist die Bibel als Vorlage missbraucht worden, den Menschen immer wieder ihre Sündhaftigkeit vorzuwerfen, um sie dann zu einer Umkehr in Demut anzuhalten. Wen spricht das heute noch an? Die geistlichen Fürsprecher der Umkehr leben meist selbst nicht nach den eigenen moralischen Standards. Und die großen Verbrechen der Menschheit haben sie mit solchen frommen Sprüchen auch nicht verhindert. Ohnehin gehört heute das meiste, was als Sünde gilt, zur hart erkämpften Freiheit des Individuums. Wer wäre bereit, sich davon abzukehren?

Und doch kann die von Gott verlangte Umkehr, richtig verstanden, genau zu dieser Freiheit des Individuums führen, ja sie sogar bewirken.

Der heutige Schabat heißt "Schabat Schuwa" – Schabat der Umkehr. Er heißt so, unter anderem wegen des Prophetentextes, den wir lesen: Hosea, Kapitel 14 (2-3): "Schuwa Jisrael…" – "Kehre um Israel, zum Ewigen deinem Gotte, denn du bist gestürzt über deine Sünde. Nehmet mit euch Worte, und kehret zum Ewigen um, sprechet zum ihm: Vergib alle Schuld und hole hervor das Gute."

Der Schabat Schuwa ist der erste Schabat nach Rosch Haschana – dem jüdischen Neujahrsfest – und der letzte Schabat vor Jom Kippur – dem großen Sühnetag. Er fällt also in die Jamim Nora'im – in die ehrfurchtvollen zehn Tage zwischen dem Neujahr und dem Sühnetag.

Soeben hat Rosch Haschana einen neuen Anfang gesetzt – eine neue Chance, die wir uns schonmal mit Äpfeln und Honig versüßt haben. Erst, wenn das Neue da ist, kann man das Alte abstreifen - das, was im vergangenen Jahr nicht so gut gelaufen ist. So ist die jüdische Reihenfolge der Hohen Feiertage: erst Rosch Haschana, dann Jom Kipur. Dazwischen liegt der Schabat Schuwa. Die Stimmung hat sich bereits geändert. Man bereitet sich auf die Sühne an Jom Kipur vor – es ist eine Zeit des Übergangs.

Wer sich keine Psychotherapie leisten kann, bekommt im Judentum einmal im Jahr eine Serie von Feiertagen geboten, die dasselbe bewirkt: Die Seele durchläuft an den verschiedenen Festen zugleich verschiedene Stationen der Selbstwahrnehmung, um am Ende geläutert und selbstgewiss das Leben wieder meistern zu können. Der Jom Kipur sühnt nicht die großen Verbrechen. Er sühnt vielmehr die kleinen Sünden, die wir täglich begehen – üble Nachrede, Missgunst, Neid und Vorteilsnahme, Gefühlskälte und Verstocktheit – kurzum die vielen verpassten Chancen im Umgang mit den Anderen – die vielen verpassten Chancen, unsere eigenen guten Potentiale zu entfalten.

Die Serie der seelischen Stationen beginnt mit Rosch Haschana, dem Neuanfang – aber sie hört längst nicht mit Jom Kipur auf. Auf den Sühnetag folgt das Laubhüttenfest – Sukkot. Die an Jom Kipur gesühnte Seele bekommt eine Woche lang Urlaub von allem materiellen Ballast. Man lebt sieben Tage lang in Hütten – wie einst die Kinder Israel auf ihrer Wanderung in der Wüste – ohne Sicherheit, ganz an der Basis. In dieser Freiheit von der vermeintlichen materiellen Sicherheit kann sich jeder neu erfahren – kann die Seele aus manchem verstaubten Hinterzimmer neu hervortreten und Gehör finden.

Das alles gehört mit zur Umkehr, in deren Zeichen die jüdischen Feiertage stehen. Das hebräische Wort für Umkehr – "Schuwa" oder "Teschuwa" – heißt zugleich aber auch "Antwort". Diese erhält man nur, wenn man die Seele, die innere Stimme sprechen lässt – der direkte Draht also, über den Gott zu einem spricht.
Das deutsche Wort "Antwort" verweist jedoch auch auf "Verantwortung". Niemand lebt allein. Wir sind alle für einander verantwortlich. Und so mündet das Laubhüttenfest ganz logisch in die vierte Station – Simchat Torah, das Fest der Freude der Torah - der Lehre oder Anleitung, die dem Individuum die Freiheit gibt, sich immer wieder zu erneuern, und diese Freiheit gleichzeitig in gesellschaftliche und soziale Verantwortung einbettet. Simchat Torah beginnt mit dem Schemini Atzeret, dem Tag der Versammlung, an dem das Volk die Torah annimmt. Sodann steigert sich das neue Bewusstsein in den Höhepunkt: Simchat Torah – man tanzt und jubelt mit den Torah-Rollen in der Synagoge, liest den letzten Abschnitt, rollt die Torah zurück, und beginnt wieder mit dem ersten Abschnitt – der Schöpfung der Welt. Wenn alles gut gegangen ist, vermag die Seele jetzt sich ihre Welt erneut zu gestalten. 

Wir sind noch ziemlich am Anfang dieser Reise, die insgesamt drei Wochen dauert. Mit dem heutigen Schabat Schuwa, der uns auf die Umkehr vorbereitet, beginnt es jedoch ernst zu werden. Verpassen wir unsere Chance nicht! Gönnen wir unserer Seele diese Therapie.

11.10.2019 Artikelarchiv >>
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