hauptmotiv

WAJIGASCH

Rettung und Vergebung

Auslegung von Rabbiner Sievers

In der heutigen Parascha, im heutigen Wochenabschnit, erreicht die Geschichte um Josef und seine Brüder zweifellos ihren Höhepunkt. Die Lesung der vergangenen Woche endete mit dem Vorwurf Josefs, dass seine Brüder Diebe seien. Ein goldener Kelch wurde seinem jüngsten Bruder untergeschoben. Nachdem dieser Kelch bei Benjamin gefunden wurde, brachte man die Brüder wieder vor Josef, wo Judah für sich und seine Brüder um die Möglichkeit bat, ihre Unschuld zu beweisen. Josef jedoch bestand darauf - und so endet die Parascha - dass der Dieb als Sklave bei ihm in Ägypten bleiben soll. Die Spannung bleibt also bis zur Lesung dieser Woche erhalten.

Unsere Lesung beginnt mit den Worten: „Da trat (Wajigasch) Juda vor und sprach: Ach Herr ...“ Dieses „Hervortreten“ Judahs wird von den Kommentatoren natürlich nicht nur als rein physischer Vorgang interpretiert. So meint zum Beispiel der Sefat Emet, der Gerer Rebbe Jehuda Arjeh Leib, dass Judah vor sich selbst trat, er also zu seinem wirklichen Wesen zurückfand. 1) Tatsächlich übernimmt Judah Verantwortung.

Ähnlich sieht es der Kommentator Malbim. Dieser verweist darauf, dass jemand, der angeklagt und vor Gericht steht, zwei Möglichkeiten hat. Er kann sein Recht durch das Gesetz verlangen oder er kann darum bitten, dass man ihm seine Sünde verzeiht. Es gibt zwei Unterschiede zwischen eben diesen beiden Ansätzen. Zum einen muss jemand, der auf dem Rechtswege zu seinem Recht kommen will, Beweise vorlegen und sich auf einen langen Prozess einlassen, dies ist nicht so, wenn man seine Schuld eingesteht und auf Gnade hofft. Zum anderen wird einem auf dem Rechtsweg nur von den Richtern Recht getan. Wer jedoch auf den zweiten Weg setzt, bekommt nur vom König Recht, der letztendlich die Entscheidung fällt. Judah wusste, dass er in seinem Appell an Josef nur auf dessen Gnade hoffen konnte. Deshalb heißt es, dass Judah an Josef herantrat, denn zu Beginn standen die Brüder vor Joseph und seinem Gefolge, wie vor einem Gericht. Jetzt aber trat er nur vor Josef, so dass die anderen auch nicht hören konnten, was er ihm sagte, denn nur Josef hatte die Macht, sie zu retten. 2)

Nun folgt eine sehr bewegende Ansprache, in der das Wort „Vater“ in 17 Versen 14 mal vorkommt und an deren Schluss Josef zu Tränen gerührt sich seinen Brüdern zu erkennen gibt.

Manchmal ist es doch ganz einfach. Man muss nur, so wie Judah, zu seinem wahren Selbst finden, seine Fehler eingestehen und sich dann für das Richtige entscheiden. Im Fall von Judah und seinen Brüdern führt diese Einsicht dazu, so Rabbiner Harold Kushner, dass die Tatsache, dass Josef seinen Bruder Benjamin mehr Geschenke gibt als den anderen, nicht mehr zu Hass und Eifersucht führt. Denn „er hat eingesehen, dass er seinen Vater nicht ändern kann; er kann nur seine Reaktion auf die Taten seines Vaters ändern.“ 3) Anderseits muss man auch wie Josef erkennen, wann die Zeit gekommen ist, zu vergeben.

Da dies alles aber eben nicht ganz so einfach ist, ist es beruhigend zu lesen, dass auch unsere Vorfahren nicht perfekt waren. Die Torah ist voll von ihren Kämpfen und wir sind aufgerufen, uns hieran ein Beispiel zu nehmen, um wie Judah, wieder bei uns selbst anzukommen.


1) Etz Hayim  (Rabbinical Assembly: New York 2001), S. 274
2) Malbim zu Gen. 44:18 Frage 18 (Paraphrase)
3) Etz Hayim  (Rabbinical Assembly: New York 2001), S. 274


Abdruck mit freundlicher Genehmigung des NDR, dort gesendet am 2.1.2009


13.01.2017 Artikelarchiv >>
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