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BALAK

Identität und Sprache

Auslegung von Rabbiner Lengyel

Wie vielfältig die jüdische Interpretation der Tora sein kann, zeigt uns der Wochenabschnitt  Balak.

Nach fast vierzig Jahren Wüstenwanderung war Israel fast am Ziel und das Volk in den Ebenen Moabs angekommen. Das Land lag schon vor seinen Augen. Der König von Moab, Balak, rief Bileam zu sich, er sollte dank seiner prophetischen Fähigkeiten das jüdische Volk verfluchen.

Bileam aber scheitert, sein Versuch, Israel zu verfluchen, gelingt nicht. Aus dem Fluch werden Segenssprüche.

Einer der bekannten Verse der Segnungen lautet so: „Das Volk wird abgesondert wohnen. Man wird es nicht zu Heiden rechnen.“ (Num. 23, 9)

„Das Volk wird abgesondert wohnen“ führt mich zu einem Gedanken über die jüdische Identität.

Der Schriftsteller Jakob Wassermann schrieb 1921 in seiner Schrift „Mein Weg als Deutscher und Jude“ folgende Zeilen: „In aller Unschuld war ich bisher überzeugt gewesen, ich sei deutschem Leben, deutschen Menschen zugehörig. Ich atme in der Sprache. Sie ist mir weit mehr als das Mittel, mich zu verständigen.“

Eindrücklicher kann man kaum die Bedeutung der Sprache für das Selbstverständnis, für das Bewusstsein der eigenen Zugehörigkeit und Identität beschreiben.

Noch grundsätzlicher und essentieller als bei Jakob Wassermann ist die Auffassung von Elieser Ba’al Schem Tov, dem Gründer des osteuropäischen Chassidismus, wenn er sagt: „Die Sprache macht das Wesen der Dinge und damit auch der Menschen aus“. Nur bei Ba’al Shem Tov ist die gemeinsame Sprache nicht das Deutsche, sondern natürlich das Hebräische.

An diesen zwei Beispielen für eine sprachlich begründete menschliche Identität wird das ganze anstehende Dilemma deutlich, wenn man von jüdischer Identität sprechen will. Spätestens seit dem fünften vorchristlichen Jahrhundert – nach dem babylonischen Exil – ist für das Judentum die Mehrsprachigkeit oder gar „Fremdsprachigkeit“ im Sinne der Ablegung des Hebräischen der Normalfall!

Für die Juden in der europäischen und weltweiten Diaspora stellt sich die Frage nach der sprachlichen Identität in besonders scharfer Weise – weil sie in einer Doppelidentität leben. Aber darf man das Hebräische, das bekanntlich lange Jahre nicht als Muttersprache diente, für eine sprachliche Grundidentität aller weltweit verstreut lebenden Juden bezeichnen?

Mit dem Aufkommen des Zionismus wurde die jüdische Sprachwelt auf ein neues Fundament gestellt. Bis dahin hat man das Hebräische, nicht mehr als Muttersprache, sondern als Kommunikation in der Literatur, im Gottesdienst, in der jüdischen Rechtspflege verwendet. Nun wurde Iwrit zur Sprache der Neueinwanderer in Palästina und zur Staatssprache des wiederentstandenen Israel. Dies hat nicht nur für die Bevölkerung Israels eine große Bedeutung mit  praktischen Konsequenzen, sondern auch für die gesamte Diaspora. Das Hebräische ist nunmehr die jüdische Nationalsprache, die jetzt über die Religion hinaus eine große Bedeutung gewonnen hat. 


Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung des Norddeutschen Rundfunk. Dort gesendet am 3. Juli 2015


26.07.2019 Artikelarchiv >>
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