hauptmotiv

NASSO

Es war einmal ein Vogel...

Auslegung von Rabbiner Brandt

Es kommt manchmal vor, dass man auf eine Geschichte aus dem Schatz der Erzählung des Judentums stößt, von der man glaubt, sie würde auch einen breiten Kreis erfreuen. Wenn diese dazu noch einen Bibelvers erläutert, ist die Möglichkeit gegeben sie in eine religiöse Feierstunde wie diese, der Sie, verehrte Zuhörer, gerade zuhören, einzuschleusen. So hoffe ich, dass die Geschichte, die ich Ihnen jetzt erzählen werde, auch Sie erfreuen wird.
Es war einmal ein Vogelfänger. Eines Tages ging ihm ein ganz besonderer Vogel ins Netz und er freute sich ob seines guten Fanges. Wie groß war dann auch sein Erstaunen, als es sich herausstellte, dass der herrliche gefiederte Vogel auch alle Sprachen der Menschen beherrschte und sich deshalb ohne Schwierigkeiten mit seinem Fänger unterhalten konnte. So bat der Vogel diesen dann, ihm seine Freiheit wiederzuschenken und als Lohn würde er die Großherzigkeit mit drei nützlichen Lehren vergelten. Der Vogelfänger dünkte sich als einen ganz gewieften Kopf und verlangte, der Vogel solle ihm erst einen heiligen Eid schwören, dass er nicht das Freie suchen würde, bevor er ihm die drei Weisheiten mitgeteilt hätte. Das war der Vogel natürlich gewillt zu tun und der Handel war perfekt. Der Vogelfänger befreite den Vogel und dieser flog sofort auf einen Ast des nahestehenden Baumes und begann dann zu sprechen:  „Ich halte mein Versprechen, so höre nun gut zu und vergiss nicht meine Worte. Die erste Lehre ist: Bereue niemals was bereits geschehen ist, und die zweite Lehre ist: Glaube nicht das Unglaubliche, und die dritte Lehre lautet: Versuche nie das Unerreichbare zu erreichen.“
Mit diesen Worten fing der Vogel an ein herrliches Lied der Freiheit zu singen, streckte seine stattlichen Fittiche und mit wenigen mühelosen Schlägen, schwang er sich in den Himmel, drehte ein paar Runden in den Lüften und glitt dann auf die Krone des Baumes nieder. Dort sitzend blickte er mit seinen klugen Augen auf den untenstehenden Vogelfänger hinab. Langsam fing der Vogel an zu lachen. Erst leise in sich hinein und dann immer lauter, bis am Ende das ganze Geäst des Baumes, wie vom Sturm gepeitscht, wogte. Dann rief er dem verwundert hinaufstarrenden Mann zu: „Du bist doch ein großer Narr. Du ließest mich frei und ahntest nicht, dass ich in meinem Bauch eine Perle von unschätzbarem Wert trage, durch deren magische Kraft ich Weisheit erhielt. Durch sie hättest du der weiseste aller Menschen werden können.“ Als der Vogelfänger das hörte, bereute er seine Dummheit den Vogel fliegen gelassen zu haben. Um seinen Verlust wett zu machen, begann er mit seinem Netz den Baum, auf dem sich der Vogel niedergelassen hatte zu besteigen. Der Vogel blieb ganz ruhig auf dem höchsten Ast sitzen und schien die Anstrengungen des Mannes leicht amüsiert zu beobachten. Gerade als der Fänger sich in Wurfweite dachte, glitt der Vogel von seinem Sitz und hob sich in die Lüfte. Dadurch verlor der Fänger das Gleichgewicht und stürzte in die Tiefe. Da lag er nun mit einigen gebrochenen Knochen und einem brummenden Schädel.
Der Vogel ließ sich auf einem nahen überhängenden Zweig nieder und lachte: „Du dummer Kerl! Erst vor wenigen Augenblicken habe ich dir von meiner Weisheit gegeben und schon hast du alles vergessen. Ich habe dir gesagt, niemals zu bereuen, was bereits geschehen ist. Sofort hat es dich gereut, mich frei gelassen zu haben. Dann habe ich dich gelehrt, niemals das Unglaubliche zu glauben. Ohne nachzudenken hast du mir das Märchen von einer magischen Perle in meinem Bauch abgenommen. Wisse, dass ich nur ein ganz gewöhnlicher Vogel bin, der sich zu jeder Stunde seine Nahrung suchen muss. Und letztens habe ich dich gewarnt, nie das Unerreichbare erreichen zu wollen. In deiner Gier hast du auch diesen Rat vergessen und hast versucht einen freien Vogel mit bloßen Händen zu fangen. Weil du nicht auf mich gehört hast, liegst du nun blutend und mit gebrochenen Knochen unter dem Baum. Von solchen wie dir hat der weise König Salomon in seinen Sprüchen gesagt: „Eine Weisung tut mehr für einen Weisen als hundert Schläge für einen Tor.“ Leider gibt es viele Dumme, wie du es bist, unter den Menschen.“

Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung des RBB, dort gesendet am 1.6.2012.

21.06.2019 Artikelarchiv >>
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