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BEHAR

Was heißt "soziale Gerechtigkeit"?

Auslegung von Rabbiner Ederberg

Alle Sklaven werden freigelassen und alle Schulden gestrichen – in jedem siebten Jahr, dem Schabbatjahr.

Alles Land wird an seine ursprünglichen Besitzer oder ihre Nachkommen zurückgegeben – im
Jobeljahr, jedem fünfzigsten Jahr.

Nach langen Wochen, in denen die Toralesung vor allem vom korrekten Kultus, dem Bau des Heiligtums, der Ausstattung der Priester, den Gottesdiensordnungen für das ganze Jahr und schließlich der feierlichen Einweihung des Heiligtums berichtet hat, sind wir mit den Themen ‚Freiheit für Unterdrückte‘, ‚Schuldenerlass für Arme‘ und ‚Landreform‘ bei auch heute noch zentralen Anliegen ‚Sozialer Gerechtigkeit‘. Hier geht es um Gut und Böse und es ist eindeutig, wo der Weg zu Fortschritt und Gerechtigkeit liegt.

Und doch, die politischen Diskussionen der letzten Wochen und Monate erinnern uns daran, dass mit dem Stichwort ‚Soziale Gerechtigkeit‘ allein noch wenig konkretes gesagt ist.

Auch wenn wir uns die biblischen Bestimmungen zum Schabbat- und Jobeljahr genauer ansehen, entstehen Zweifel, ob sie wirklich unserem sozialen Gewissen entsprechen. Die Befreiung von Sklaven ist natürlich positiv. Nur ist mit Freiheit alleine noch nicht geklärt, wovon einer leben soll. Sie kann nur ein erster Schritt sein. Auch das Erlassen von Schulden ist gut. Nur ist die natürliche
Konsequenz, dass keiner dem anderen mehr Geld leiht, wenn er es nach spätestens sieben Jahren
ersatzlos verliert. Ebenso ist die Rückgabe des Landes an seine ursprünglichen Besitzer nur auf den
ersten Blick fair, denn wenn am Anfang der Besiedlung des Landes Israel alle Stämmen des Volkes
gleichviel Land bekommen haben, so sind einige Stämme seitdem sehr gewachsen, andere aber
geschrumpft. Die Rückgabe des Landes ist so möglicherweise gar nicht gerecht im Sinne einer
gleichmäßigen Verteilung der Ressourcen an Alle.

Historiker sind der Ansicht, dass diese Regeln für das siebte und fünfzigste Jahr Theologenträume sind, die so nie angewandt wurden. Die jüdische Tradition zweifelt zwar die Wahrheit dieser biblischen Bestimmungen nicht an, sieht sie aber in der Zeit für ungültig, in der nicht alle zwölf
Stämme im Lande Israel leben. Nachbiblisch gewinnt die ‚Soziale Gerechtigkeit‘ der jüdischen
Tradition neue Formen. Nun ist jeder verpflichtet, den Zehnten für soziale Aufgaben der Gemeinschaft zu zahlen. Davon wurden schon in der Antike Sozialkassen geschaffen, die Armen zu
Essen und Kleidung verholfen, Waisen ein Heim gaben und viele andere gute Zwecke verfolgten.
Über diese steuerartigen Pflichtbeiträge hinaus, die man ‚Zedaka‘ nennt, gibt es die freiwilligen
Spenden mit dem Namen ‚Gemilut Chassadim‘. Maimonides, der große Gelehrte des Mittelalters, hat dabei verschiedene Arten beschrieben, wie diese freiwilligen Spenden gegeben werden können.
Selbst wer nur widerwillig und unfreundlich gibt, hat nach ihm eine gute Tat getan. Besser aber ist
der, der gibt, ohne dass der Empfänger weiß, von wem die Hilfe kommt. Die höchste der insgesamt
acht Stufen ist für Maimonides von dem erreicht, der einem Bedürftigen hilft, auf eigene Füße zu
kommen und in Zukunft von Hilfe unabhängig zu sein. Wir würden das heute als ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ bezeichnen.

In jeder Generation ändert sich, was ‚Soziale Gerechtigkeit‘ genau bedeutet, denn die gesellschaftlichen Bedingungen und so auch die Ungerechtigkeiten ändern sich. In jeder Generation ist es eine zentrale Aufgabe für Jüdinnen und Juden an der Verwirklichung ‚Sozialer Gerechtigkeit‘ zu arbeiten – und dabei selbsternannten Gerechtigkeitsaposteln aller Richtungen gegenüber skeptisch zu bleiben.

Wiederverwendung mit freundicher Genehmigung des RBB, dort gesendet am 19.5.2017.

31.05.2019 Artikelarchiv >>
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