hauptmotiv

MIKEZ

Josef war kein Makkabäer

Auslegung von Rabbinerin Klapheck

Nicht nur ich – auch die anderen jüdischen Kinder hatten jedes Jahr die Chanukka-Geschichte wieder vergessen. Natürlich nicht die berühmte Szene, bei der die Makkabäer im wieder hergerichteten Tempel die Menora, den siebenarmigen Leuchter, anzünden wollten. Sie fanden nur ein einziges Krüglein reinen Öls, das – so die Legende – gerade mal für einen Tag reichte. Doch – es geschah ein Wunder. Der Leuchter brannte acht Tage – einen Tag mehr als erforderlich.

Diese Szene hatte uns Kinder immer wieder beeindruckt. Aber die historischen Umstände? Die Geschichte des Kampfes gegen Antijochus Epiphanes und der Sieg über den Hellenismus? Irgendwie mussten wir schon damals gespürt haben, dass die Botschaft der Chanukka-Geschichte ambivalent war. Die Rabbinen haben sie jedenfalls erfolgreich aus dem Talmud verbannt. Ihnen ist es zu verdanken, dass wir statt einer Geschichte über den militärischen Triumph der Makkabäer uns eine Geschichte über das Wiederleuchten des Lichtes gemerkt haben. Offensichtlich schmeckte auch den Rabbinen etwas am makkabäischen Sieg nicht.

War es wirklich ein Sieg?

Gewiss – einen mörderischen Diktator zu verjagen, der die Juden zu heidnischen Praktiken zwang und viele Menschenleben auf dem Gewissen hatte, sollte man feiern. Aber es ging um mehr. Die Makkabäer kämpften gegen alles, was griechisch war – auch gegen den griechischen Geist. Ist das etwas, worüber wir bis heute jubeln sollen?

War die Philosophie von Plato und Aristosteles wirklich so verachtenswürdig? Hatte der Hellenismus nicht auch den Juden etwas zu bieten? Immerhin inspirierte er einen jüdischen Geistestitanen wie Philo von Alexandrien. Die Philosophie des Talmud ist von Aristoteles beeinflusst, so auch die des mittelalterlichen Philosophen Maimonides. Und die jüdische Mystik, die Kabbala, ist ohne den Platonismus nicht zu verstehen.

Es ist wohl kein Zufall, dass wir in der Chanukka-Woche den Abschnitt „Mikez“ in der Tora lesen. Er handelt in den Kapiteln 41 bis 44 im ersten Buch Mose von Josefs Aufstieg am Hofe des ägyptischen Pharao. Was zu Zeiten der Makkabäer der Hellenismus war, war zu Zeiten der Erzväter das ägyptische Weltbild. Wir wissen heute, dass Ägypten nicht nur eine Wiege der Zivilisation war, sondern auch unter Pharao Echnaton eine erste Form von Monotheismus entwickelt hatte – die Sonne als den einzigen Gott. Verschlüsselt zeugt hiervon auch die Hebräische Bibel.

Freilich fallen uns bei Ägypten meist nur die 400 Jahre Sklaverei ein, die die Israeliten dort ertragen mussten. Dabei vergessen wir jedoch, dass es auch gute Zeiten in Ägypten gegeben hatte – Zeiten eines fruchtbaren geistigen Austausches – Zeiten, in denen beide Völker – Ägypter und Israeliten – voneinander profitierten. Der Protagonist einer solchen guten Zeit war Josef, der die Träume des Pharaos zu deuten verstand. Er sah - wie wir an diesem Schabbat lesen - sieben fette und sieben magere Jahre voraus und bewahrte mit einer umsichtigen Politik, die ägyptische Bevölkerung vor einer Hungerkatastrophe.
Der Pharao machte Josef zum zweiten Mann im Staat, bekleidete ihn mit königlichen Gewändern, gab ihm einen ägyptischen Namen und die Tochter eines ägyptischen Priesters zur Ehefrau. All das Gute, was er bewirkte, war jedoch nur möglich, weil er sich auf die ägyptische Gesellschaft eingelassen hatte – dabei aber nicht seine israelitische Identität aufgab.

Der Abschnitt Mikez setzt somit ein Zeichen gegen religiösen Chauvinismus. Und er legt uns nahe, über das Spannungsverhältnis von Integration und Bewahrung der eigenen Identität nachzudenken. Das war gewiss nicht die Absicht der Makkabäer, wohl aber die der Rabbinen im Talmud. Nicht im Sieg über die Anderen, sondern in der Auseinandersetzung mit ihnen erkannten sie ein ewiges Licht.

Chanukka sameach – ein frohes Chanukka-Fest!


30.12.2016 Artikelarchiv >>
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