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TEZAWE

Dienst nach Vorschrift?

Die Tora warnt davor, Beten zur sinnentleerten Routine werden zu lassen

Auslegung von Rabbinerin Deusel

Und am Ende der Zeiten, wenn Himmel und Erde vergehen und das irdische Licht verlöscht, dann wird der Ewige selbst unser Licht sein: Er, der war, und der ist, und der sein wird in Ewigkeit. Und so wird uns das Licht zum Symbol für die Gegenwart des Ewigen in unserem Leben – selbst dort, wo Finsternis herrscht, sei es um uns herum oder in unserem Inneren.

Auch am Anfang unserer Parascha steht das Licht, nämlich die Entzündung und Versorgung der Öllampen auf dem siebenarmigen Leuchter im Heiligtum, damit sie beständig brennen und ihr Licht spenden. Erst danach folgt die Beschreibung der priesterlichen Gewänder, des Opferdienstes und der Zeremonie der priesterlichen Amtseinsetzung.

Ner Tamid

Die Priester waren nicht nur für das Herrichten des Leuchters verantwortlich, sondern auch für sein Brennmittel aus reinstem Olivenöl, damit er sein Licht ausstrahlen konnte, »von Abend bis Morgen« sagt unsere Parascha im Verständnis des »Ner tamid« als einem regelmäßig brennenden Licht. Später, im Zweiten Tempel, wird das Ner tamid dann »von Abend zu Abend« brennen, also tatsächlich beständig. Das Ner tamid in unseren Synagogen heute erinnert noch daran.

Samson Raphael Hirsch (1808–1888) sieht im Entzünden des Lichts symbolisch die Aufgabe des Toralehrenden. So wie der Kohen einst die Lampen entzündete, so soll der Lehrer der Tora seinem Schüler mit Geduld und Ausdauer begegnen. Der Lampendocht wird entzündet und muss dann »von selbst weiter brennen«.

Die Aufgabe des Lehrers ist also nicht nur, für die Reinheit der Lehre zu sorgen – entsprechend der Bereitstellung des reinen Öls –, sondern er soll selbst zum Lichtentzünder werden und sich am Ende überflüssig machen. Das heißt, er soll den Schüler befähigen, nicht nur selbst weiterzulernen, sondern auch seinerseits die Tora an die nächste Generation weiterzugeben.

Opfer

Beständigkeit und Regelmäßigkeit, dazu Ausdauer und Geduld erfordert auch der Opferdienst; hier finden wir ein weiteres »Tamid«: Zwei einjährige Schafe sind täglich zu opfern, als ein beständiges Opfer, das eine am Morgen, das andere am Nachmittag. Wie leicht fällt dieser Dienst in der anfänglichen Begeisterung, wenn der neu eingesetzte Priester noch Feuer und Flamme ist für seinen Auftrag. Und wie leicht wird dies im Lauf der Zeit zur Routine, zu einer Handlung, die man ohne großes Nachdenken vollführt, und damit vom Dienst am Ewigen zu einem sinnentleerten Ritual.

Sicherlich, die Kohanim sollen prächtige Gewänder tragen bei ihrem Dienst im Heiligtum: Einmal, damit ihnen Ehre zuteil wird in den Augen des Volkes dafür, dass sie die Awoda, den G’ttesdienst, verrichten und damit das Volk Israel vor dem Ewigen vertreten. Zum anderen aber auch, um den Träger der Gewänder stets daran zu erinnern, wer es ist, dem die eigentliche Ehre gebührt, nämlich nicht dem Kohen, sondern dem Ewigen allein.

Dienen

G’ttesdienst ist kein Selbstzweck, er ist Dienen – in zweierlei Hinsicht: Dienst am Ewigen und Dienst am Volk, an der Gemeinde. Letzteres kommt zum Ausdruck in der Beschreibung von Aharons Priestermantel, der auf den Schulterblättern zwei Schohamsteine mit den Namen der zwölf Stämme trägt, so wie man ein Joch trägt.

Zwölf Edelsteine mit den zwölf Stammesnamen sind zudem der Besatz des Choschen Mischpat, den der Kohen Hagadol auf der Brust trägt: »Also soll Aharon die Namen der Kinder Israels im Choschen Mischpat auf seinem Herzen tragen, wenn er in das Heiligtum kommt, zum beständigen Andenken vor dem Ewigen.« So dient das herrliche Gewand nicht nur zur Ehre und zur Auszeichnung, sondern es ist in seiner Symbolik tief verflochten mit dem Sinn des priesterlichen Dienstes.

Prächtige Gewänder, versehen mit Edelsteinen als Symbol für alle Kinder Israel – auch das wird irgendwann zur Routine, verkommt zur Äußerlichkeit und verliert seine eigentliche Bedeutung, nämlich die Sorgen und Nöte, aber auch die Dankbarkeit der Gemeinde vor den Ewigen zu tragen, auf den Schultern und auf dem Herzen, sei es in der damaligen Form von Opfern oder in der heutigen Form von Gebeten.

Sinn

Dienst vor dem Ewigen als »Dienst nach Vorschrift«, als äußerliches Tun ohne innere Beteiligung? So ist das nicht gedacht, trotz all der minutiösen Vorschriften für den Opferdienst, die wir in der Tora finden. G’ttes-Dienst darf nicht zu einem sinnentleerten Tun werden, das Gebet nicht zur gebetsmühlenartigen Routine, weder für den Vorbetenden noch für den einzelnen Beter in der Gemeinde.

Es ist daher nicht verwunderlich, wenn unsere Parascha, die mit dem Entzünden des Lichts im Heiligtum beginnt, auch mit dem Entzünden von Licht endet, als deutlichem Hinweis auf die Beständigkeit, die von dem gefordert ist, der G’ttes Dienst tut. Die Lampen auf dem Leuchter vor dem Ewigen sollten beständig brennen; dafür mussten sie täglich neu entzündet werden. Mit einer einmaligen Handlung war das nicht getan.

Ebenso ist es auch mit unserer Hinwendung zum Ewigen. Auch dies ist keine einmalige Angelegenheit und schon gar keine Routinehandlung. Vielmehr muss das Licht und das Feuer in uns täglich neu entfacht werden, immer wieder, als eine aktive Entscheidung. Denn nur mit der Flamme des Ewigen in uns werden wir zu Trägern Seines Lichtes, für uns selbst und für andere.


Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung der Jüdischen Allgemeinen, dort erschienen am 06.02.2014.


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