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BESCHALACH

Die Schechina ist auf der Westmauer

Auslegung von Rabbiner Brandt

Der Tora-Abschnitt dieses Wochenendes und die ihm beigefügten Sätze aus den Propheten – die Haftara – befassen sich mit dem Bau von Kultstätten: Das Stiftzelt in der Wüste beziehungsweise der Salomonische Tempel einige Jahrhunderte später. Ein bemerkenswerter Umstand in diesem Zusammenhang sind die Begeisterung und Großzügigkeit, mit denen sich das Volk an diesen Unternehmen beteiligte. Ich bin wohl nicht der einzige Rabbiner, der, anlässlich eines Beschlusses eine neue Synagoge oder ein neues Gemeindezentrum zu errichten, über die biblischen Texte predigte, worin uns von diesem Enthusiasmus erzählt wird: „… und sie brachten mehr als genug.“ Doch um zu mahnen, den geistigen, religiösen Inhalt ob den materiellen Anforderungen nicht zu vergessen, liebte ich eine alte Geschichte aus dem Legendenschatz des jüdischen Volkes zu erzählen:
Als Salomo, Sohn des Königs David und selbst König über Israel, beschloss seinen und seines Vaters Wunsch, Gott einen Tempel in Jerusalem zu erbauen, in die Tat umsetzen wollte, da erschien ihm ein Engel und sprach zu ihm: „Salomo, nachdem du weißt, dass der Tempel, den du mir bauen willst, ein Heiligtum für das ganze Volk sein wird, und sie alle kommen werden, um dort Gottes Namen anzurufen, fordere ganz Israel auf am Bau teilzunehmen, jeder nach seinen Möglichkeiten. So wird das ganze Volk teilhaben an dem Bau des Hauses, in dem Gott verherrlicht werden wird.“
Demgemäß schickte der König Salomo Boten durch das ganze Land und ließ ganz Israel sich versammeln. Nicht einer fehlte. So kamen die Prinzen und Fürsten, die Regenten und Stadthalter, die Priester und Leviten, die Kaufleute, die Handwerker, die Lehrer und Schüler. Auch die Armen und Bedürftigen fehlten nicht. Um niemanden zu bevorzugen oder zu beleidigen, wurde die Arbeit durch Lose ausgeteilt. Nichts bliebt der Willkür überlassen, nur das Los entschied. Und so wurden alle Aufgaben vergeben: Bald nahm das Werk Formen an und näherte sich seiner Vollendung. Nur an der Westmauer ging die Arbeit nur langsam voran. Nicht, dass es dort an Begeisterung, Fleiß und Einsatz fehlte - beileibe nicht! Aber dort arbeiteten ja die Armen des Volkes. Sie konnten keine Meister und Bauleute anheuern. Sie hatten auch nicht die Mittel sich kostbare Baumaterialien anliefern zu lassen. Sie hatten nur das Rohmaterial der Natur und ihrer Hände Arbeit. Sie gingen in die Hügel rings um Jerusalem und brachen große Felsen aus deren Flanken. Männer, Frauen und Kinder legten Hand an, um diese zu meißeln bis sie zu großen, rechteckigen Quadern wurden, und dann schleppten sie diese unter größten Anstrengungen zum Bauplatz des Tempels. Natürlich ging diese Arbeit nur langsam von der Hand. Während alles andere bereits fertig stand, wurde die Westmauer noch rege und ununterbrochen gebaut. Aber auch diese Arbeit kam einmal zu Ende und eines schönen Tages stand der Tempel in all seiner Herrlichkeit fertig da.
Es wird erzählt; Als der König Salomo nun das Volk zum Fest der Einweihung versammelte, da senkte sich die Schechina – die göttliche Gegenwart – auf den Tempel herab und seine Stimme wurde vernommen: „Die göttliche Gegenwart wird niemals von der Westmauer weichen, denn die Arbeit der Armen ist besonders kostbar in meinen Augen. Deshalb wird mein Segen auf ihr ruhen.“
Und so war es dann, als der wütende Feind der Stadt Jerusalem und ihren herrlichen Tempel zerstörte, da breiteten die Engel ihre Schwingen über die Westmauer aus und ein heiliges Echo erschallte: „Niemals wird die Westmauer zerstört werden!“ Da steht sie heute noch, die ‚Kottel Hama’aravi‘ – d.h. die westliche Mauer, vielen auch als ‚die Klagemauer‘ bekannt.

Ich entbiete Ihnen, verehrte Zuhörer, den Gruß des
Schabatfriedens: Schabat Schalom.

Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung des RBB, dort gesendet am 4.2.2011.

26.01.2019 Artikelarchiv >>
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