hauptmotiv

BERESCHIT

Schöpfung und Evolution

Auslegung von Rabbinerin Klapheck

Für religiösen Fundamentalismus, Widerlegung der Evolutionstheorie und Glauben an ein intelligent design eignet sich der biblische Schöpfungsbericht wahrlich nicht. Die Rabbinen hatten auch schon eine Ahnung davon, dass die sechs Tage, in denen Gott die Welt erschuf, nicht sechs Erdentage à 24 Stunden gewesen können. Der große mittelalterliche Bibelkommentator Raschi verweist hierbei auf den ersten Satz der Bibel: Bereschit bara Elohim – „Im Anfang schuf Gott“ – Raschi merkt hierzu an:

„Der Vers will nicht die Reihenfolge der Schöpfung lehren, um zu sagen, dass diese, Himmel und Erde, zuerst erschaffen wurden. Wollte er das lehren, so müsste er den Ausdruck barischona, ‚als erstes’, gebrauchen – ‚Als erstes’ schuf Gott Himmel und Erde.“

Auch ein anderer Kommentator aus dem Mittelalter, der Philosoph Maimonides, lehnt die Vorstellung einer Reihenfolge von sechs aufeinander folgenden Menschentagen ab. Maimonides erklärt dies aus dem biblischen Vers: „Und es ward Abend und es ward Morgen, ein Tag“ – vajehi erev vajehi voker, jom echad.
Ein Tag - aber nicht unbedingt der erste Tag. Sonst müsste in der Bibel stehen jom harischon – „der erste Tag“.

Schon im Talmud bemerkten Rabbiner, dass wir, wenn wir die Schöpfung feiern, was wir unlängst an Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahrsfest taten, eigentlich mehr das menschliche Bewusstsein von der Schöpfung feiern. Rabbi Elieser sagte hierzu, dass am 1. des Monats Tischri, der Tag, auf den Rosch Haschana fällt, der Mensch erschaffen worden ist – oder besser noch: das menschliche Bewusstsein von der Schöpfung. Alles andere sei schon zuvor, im Monat Elul da gewesen.

Heute ist Simchat Tora. Wir lesen den letzten Abschnitt der Tora und beginnen direkt danach mit dem ersten – mit Bereschit. Ende und Anfang gehen fast nahtlos ineinander über. Der Anfang bildet keinen Bruch zum vorangegangenen Ende.

Wenn wir über die biblische Erzählung von der Erschaffung der Welt reden, dann meinen wir meistens den ersten Schöpfungsbericht von den sechs Tagen. Nicht jeder weiss, dass unmittelbar auf den ersten Schöpfungsbericht in der Bibel noch ein zweiter folgt. Er beginnt im 2. Kapitel mit den Worten:

Dies ist die Entstehungsgeschichte des Himmels und der Erde, da sie erschaffen wurden, am Tage, da Gott, der Ewige, Erde und Himmel gemacht hatte.

Doch diese zweite Entstehungsgeschichte nimmt einen anderen Verlauf als die der sechs Tage. Es heißt weiter:

Und das Gesträuch des Feldes war noch nicht auf der Erde und das Kraut des Feldes noch nicht gewachsen; denn Gott, der Ewige, hatte noch nicht auf die Erde regnen lassen, und der Mensch war noch nicht da, das Erdreich zu bearbeiten. Da stieg ein Dunst von der Erde auf und tränkte die ganze Fläche des Erdreichs.

Der Sohar, das große Werk der jüdischen Mystik, sagt hierzu, es habe kein Werk „von oben“ – d.h. Regen – geben können, weil es noch keine Tat „von unten“ gab. Aber dann stieg ein Dunst von der Erde auf, und die Fläche des Landes ward getränkt. Das heißt: durch „Wirkung von unten“ geschah „Werk von oben“ – durch den Dunst konnte es regnen. Diese Deutung meint allegorisch auch die Beziehung zwischen Mensch und Gott. Erst durch rechtschaffendes Tun der Menschen von unten, kann Gott von oben wirken.

Wie die Entstehung der Natur genau von statten ging, interessiert die Rabbinen weniger. Ob in sechs Einheiten, ob in sechs Gottestagen, von denen jeder, wie der Psalmist meint, Jahrtausende enthält, oder ob in Jahrmillionen, wie die Evolutionswissenschaftler herausgefunden haben. Was die Rabbinen vielmehr interessiert ist die Erschaffung der Beziehung zwischen Mensch und Gott.
Dass wir von zwei Schöpfungsberichten mit unterschiedlichem Verlauf herausgefordert werden, verlangt Auseinandersetzung mit dieser Beziehung. Wer aber die beiden biblischen Schöpfungsberichte missbraucht, um eine verbohrte, hermetisch geschlossene Weltanschauung durchzusetzen, tut der Bibel, vor allem aber der Beziehung zwischen Gott und Mensch Gewalt an. An Simchat Tora feiern wir in dieser Beziehung den sich immer wieder erneuernden Anfang, aus dem dann auch immer wieder neue Wege hervorgehen.

12.10.2018 Artikelarchiv >>
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