hauptmotiv

HA'ASINU

Es bleibt ein Lied

Auslegung von Rabbinerin Klapheck

Was bleibt?

Wir sind fast am Ende der Tora, 40 Jahre sind die Israeliten durch die Wüste gewandert, Moses resümiert im Buch Deuteronomium in drei großen Reden noch einmal alle Höhe- und Tiefpunkte des langen Weges aus der Sklaverei in die Freiheit. Das Volk steht am Jordan-Fluss und sieht das Land. Moses weiß, dass er bald sterben wird. Soeben hat er den Priestern und Ältesten seines Volkes die Tora übergeben und Joschua zu seinem Nachfolger berufen. Joschua, nicht Moses, wird die Israeliten in das Land führen.

Schon der Abschnitt des vergangenen Schabbat klang melancholisch. Gott und Moses wissen, dass es nicht lange dauern wird, bis die Israeliten den Bund brechen werden, bis sie sich von dem Einen Gott abwenden und wieder den alten heidnischen Götzendiensten verfallen. Die Befreiung vom Sklavenjoch, die Zeichen und Wunder Gottes gegenüber dem Pharao und in der Wüste, die Offenbarung am Berg Sinai und der Erhalt der Tora – all das hat nicht ausgereicht, um die Israeliten endgültig an ihren Gott zu binden.

Das Ende der Tora zeugt von tiefer Desillusion nicht nur von den Grenzen des Menschen, sondern schlimmer noch: den Grenzen Gottes. Er ist eben nicht allmächtig und kann nicht verhindern, dass die Menschen immer wieder andere Wege gehen, mitunter Wege, die in den Abgrund führen.

Aber was bleibt trotzdem?

Im 31. Kapitel des 5. Buch Mose sagt Gott:
„Darum schreibt euch das folgende Lied auf: lehre es die Kinder Israels, lege es ihnen in den Mund, damit mir dies Lied ein Zeuge gegen die Kinder Israels sei. (...) So soll, wenn viele Leiden und Drangsale das Volk treffen werden, dies Lied nie aus dem Munde seiner Nachkommen schwinden.“ (31:19-21)

Es bleibt ein Lied.
Aus allein diesem Lied, das Moses seinem Volk vortrug, besteht der Wochenabschnitt an diesem Schabbat. „Ha’asinu“ – Kapitel 32 im 5. Buch Mose:
„Merk auf, o Himmel, ich will reden!
Die Erde höre meines Mundes Wort!“ (32:1-2)
Das Lied beginnt im Stile einer optimistischen Gottespreisung, wie wir sie aus vielen Psalmen kennen. Doch schon recht bald, im 5. Vers schlägt die Stimmung um. Über Gott heißt es noch:
„Ein Gott der Treue, ohne Fehl, gerade und gerecht.“(32:4)
Doch über die Israeliten:
„Sie sind nicht seine Söhne mehr, verführt hat sie ihr eigener Fehl.
Ein dekadentes Geschlecht, der Tücke voll.
Wie? So wollt ihrs dem Ewigen lohnen,
du töricht, unverständig Volk?!“ (32:4-6)

Es folgen Beschreibungen der Götzenkulte, des Abfalls und daraus folgend der konsequenten Wege ins Verhängnis – in Naturkastrophen, Hungersnöte, Kriege und Verwüstungen – bis schließlich im Abgrund, fast schon zu spät, wieder Gott als der einzige Halt erkannt wird.

Was Gott in den vergangenen Kapitel bereits in Form von Flüchen angedroht hatte, wird hier noch einmal in kunstvollster Poesie dargestellt. Aber warum all diese schrecklichen Visionen in Form eines Liedes? Und warum sollten sie vom Volk gesungen werden? Und überhaupt – warum ist die letzte Bestimmung Gottes ein Lied für sein Volk?

Die Tora zeigt sich an dieser Stelle geradezu tiefenpsychologisch. Stärker noch als ein kluger Text, prägen uns oft Lieder - in Melodien vermittelte Botschaften und Zeremonien. Sie berühren die Seele nachhaltiger als der Intellekt und bringen ihre Saiten auch noch Jahrzehnte später auf dieselbe Weise zum Klingen wie noch in der Kindheit. Möglicherweise ist der seelische Punkt, den sie berühren, ein stärkerer Garant, den Weg zur Tora zurückzufinden, als der Verstand.

Kürzlich feierten wir das jüdische Neujahrsfest und den Jom Kippur. Es gibt die so genannten Drei-Tagesjuden, die nur dreimal im Jahr in der Synagoge erscheinen. Sie kommen aus der Sehnsucht, wieder die alten Gebetszeremonien mit ihren unvergänglichen Melodien zu erleben, die sie seit ihrer Kindheit kennen. Offenbar reicht dies, um weiterhin gebunden zu bleiben.
Deshalb steigern sich Gottes Worte am Ende der Tora in keinen gesprochenen Schlusspunkt, sondern in eine offene Melodie, die die Seele immer wieder zur Rückkehr oder besser: zur Umkehr einlädt.

28.09.2018 Artikelarchiv >>
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