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SCHMINI

Zu sehen war Gottes Rücken

Auslegung von Rabbinerin Klapheck

Wenn es eine Botschaft der Tora gibt, dann die, dass man Gott nicht sehen kann.

Oder kann man ihn doch sehen?

Vor wenigen Wochen lasen wir, wie Moses Gott bittet, ihm seine Herrlichkeit zu zeigen. Und tatsächlich, Gott zeigte sich – er stellte Moses in die Felsspalte und hielt schützend die Hand über ihn, da Moses sterben würde, wenn er Gott im Ganzen sehen würde. Aber immerhin – den Rücken Gottes bekam Moses zu sehen.
Der Rücken – hebräisch achor - bietet viel Stoff für Interpretationen. Achor – enthält z.B. denselben Sprachstamm wie achrajut – Verantwortung. In Deutsch gibt es eine ähnliche Verbindung – vom Rücken zur "Rücksicht". In Hebräisch, das keine Vokale hat, schreibt sich außerdem der "Rücken" – der achor – genauso wie der "Andere" – der acher. Was Moses sah, war danach das Antlitz des Anderen – Gott als das ganz Andere oder – im Sinne der Nächstenliebe – das Antlitz des Anderen als Mitmenschen.

Nachdem Gott Moses dies sehen ließ, bekam Moses' eigenes Antlitz eine derart intensive Ausstrahlung, dass er fortan – immer wenn er mit Gott gesprochen hatte – sein Gesicht bedecken musste, um das Volk nicht zu ängstigen.

Auch im heutigen Abschnitt – Schmini: 3. Buch Mose, ab Kapitel 9 - bekommen Menschen etwas von Gott zu sehen. Moses gebietet Aron und seinen Söhnen, stellvertretend für das ganze Volk ein Sündopfer, ein Ganzopfer und ein Friedensopfer zu verrichten. Dann sagt er zu ihnen:
Das, was der Ewige befohlen, sollt ihr tun, damit die Herrlichkeit des Ewigen euch erscheine. (9:6)

Und tatsächlich, nachdem Aron die Opfer verrichtet hatte, erschien die Herrlichkeit des Ewigen – wie es heißt:
Und Mose und Aron gingen in das Stiftszelt, und als sie wieder herauskamen, segneten sie das Volk; da erschien die Herrlichkeit des Ewigen dem ganzen Volke. Ein Feuer ging vom Ewigen aus und verzehrte auf dem Altar das Ganzopfer und die Fettstücke; als das ganze Volk das sah, da jubelten sie und fielen auf ihr Angesicht. (9:23-24)

Was war es, was Gott von sich dem Volk zeigte?

Gewiss kein Bild von menschenähnlicher Gestalt in riesenhaften Ausmaßen.

Das hebräische Wort, das an diesen Stellen immer wieder für die sichtbare "Herrlichkeit Gottes" genannt wird, ist die Kawod. Lange war die Kawod in der hebräischen Sprache das Wort für die Präsenz - die Anwesenheit Gottes. Später wurde es von der Schechina, der "Einwohung Gottes" abgelöst.

Wir kennen solche intensiven Momente, in denen Gott plötzlich da ist. Es sind Momente, in denen wir ganz gegenwärtig sind – in denen wir auf einmal alles um uns und in uns wahrnehmen und in denen meistens etwas Entscheidendes passiert: Wir gewinnen eine wichtige Erkenntnis, wir riskieren einen mutigen Schritt, wir offenbaren unsere tiefste Wahrheit einem Anderen. Und plötzlich haben wir dieses intensiv strahlende Antlitz, mit dem wir so viele um uns herum gleich mit beglücken.

Das ist die Kawod – oder die Schechina – die Präsenz Gottes, für alle sichtbar – und doch von keiner Form oder Gestalt.
Moses sah sie, Aron und seine Söhne sahen sie, das Volk Israel sah sie, und wir sehen sie bisweilen auch.

Der Tora-Abschnitt entlässt uns aber nicht mit dem beglückenden Wissen um die Kawod. Gleich im nächsten Kapitel warnt uns die Tora vor der Selbsttäuschung.

Zwei Söhne Arons: Nadaw und Awihu opfern vor dem Ewigen ein – wie es in der Tora heißt – "fremdes Feuer", das der Ewige ihnen nicht befohlen hatte.
Da ging ein Feuer vom Ewigen aus und verzehrte sie, und sie starben vor dem Ewigen. (10:2)
Moses sagte zu Aron:
Das ist es, was der Ewige gesprochen hat: Durch die, die mir nahestehen, werde ich geheiligt und im Antlitz des gesamten Volkes verherrlicht! Und Aron schwieg. (10:3)
Für die rabbinischen Kommentatoren der Tora war es klar, dass Nadaw und Awihu mit dem "fremden Feuer" Götzendienst betrieben hatten. Letztlich war es ihr eigenes Feuer, das sie verzehrte.

Auch diesen Moment kennen wir – wenn wir uns auf etwas fixieren, das uns in einen Rausch versetzt – und uns diesem hingeben, ihn für einen höheren Zustand halten, uns in Wahrheit jedoch aus allem lösen und einem abgründigen Wahn verfallen. Manchmal verursachen wir dann Schlimmes, manchmal ist es nur ein Kater, mit dem wir wieder aus der Schimäre auftauchen.

Oft ist gar nicht einfach zu unterscheiden, ob wir gerade Gottesdienst oder vielmehr Götzendienst betreiben. Da hilft nur radikale Ehrlichkeit gegenüber uns selbst. Die Tora beschreibt uns beide Zustände. Wir sollen nach der Kawod streben, intensive Momente erleben, an Ausstrahlung gewinnen, Persönlichkeiten werden. Aber wir sollen auch lernen, das der Kawod "fremde Feuer", mit dem wir uns von uns selbst entfremden, zu löschen.
Schabbat Schalom

20.04.2018 Artikelarchiv >>
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