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WAJESCHEW

Fraternité?

Auslegung von Rabbinerin Ederberg

Die Brüderlichkeit – fraternité – ist eines der drei Ideale der französischen Revolution. Sie steht dafür, dass wir wie Brüder zusammen leben und füreinander einstehen sollen. Eine wichtige Dimension, die im Rahmen dieses Kommentars nicht behandelt wird, ist selbstverständlich, wie sich das Bild verändert, wenn nicht nur von Brüdern, sondern auch von Schwestern die Rede ist – dass es sich verändert, ist unbestritten.

In der Tora lesen wir immer wieder von Brüdern. Diese Geschichten scheinen aber geradezu einen Gegenentwurf zum Ideal der fraternité zu bilden. Das erste Brüderpaar der Bibel waren Kain und Abel. Es endete nicht gut, denn Kain erschlug seinen Bruder. Später lesen wir von Jakob und Esau. Jakob betrog seinen Bruder um das Erstgeburtsrecht und um den Segen des Vaters. Daraufhin musste er fliehen und sein Land verlassen. Im heutigen Wochenabschnitt – Paraschat Wajeschew – lesen wir von den Söhnen dieses Jakob und auch hier geht es nicht idyllisch zu, sondern fast geschieht ein Mord.

Jakob hatte viele Söhne, aber einen liebte er besonders: Josef. Josef war der Sohn seines Alters, der Sohn seiner verstorbenen Lieblingsfrau Rachel. Jakob verwöhnte Josef und zog ihn seinen anderen Söhnen vor. Josef wurde nicht nur eitel und eingebildet, sondern er spionierte auch seinen Brüdern nach und erzählte alles dem Vater. Als der Vater ihn eines Tages losschickte, nach seinen Brüdern zu schauen und ihm zu berichten, was sie taten, beschlossen die, ihn umzubringen und die Schuld wilden Tieren zu geben, die ihren Bruder angefallen und gefressen hätten. In letzter Minute brachten sie ihn zwar nicht um, aber sie verkauften ihn als Sklaven nach Ägypten – und der Vater bekam die Nachricht, ein wildes Tier habe seinen geliebten Sohn gefressen.

In den biblischen Erzählungen über Brüder geht es hauptsächlich um Rivalität. Rivalität um materielle Dinge, vor allem um das Erbe. Aber auch Rivalität um emotionalen Vorrang, um die Liebe der Eltern und um Anerkennung.

Es gehört zu den Stärken der biblischen Berichte, dass sie uns die Realität menschlichen Lebens nicht verbergen. Unsere Vorfahren waren nicht perfekt, ihre Fehler werden nicht verschwiegen. Aber sie waren auch fähig, aus ihren Fehlern zu lernen. Jakob hat erst seinen Bruder Esau betrogen, aber Jahre später kommt er zurück und stellt sich dem Urteil seines Bruders. Josef wird erst von seinen Brüdern wegen seiner Arroganz verkauft, rettet sie aber  vor dem Hungertod, als er zu Macht und Einfluss gekommen ist.

Wir lernen über Brüder aus diesen biblischen Geschichten, dass Nähe auch Konflikte erzeugt. Je näher man sich steht, je enger man zusammen lebt, desto größer können die Spannungen sein. Gott hat den Menschen einen freien Willen gegeben, der ihnen ermöglicht, Fehler zu machen. Er hat ihnen aber auch Herz und Verstand gegeben, aus ihren Fehlern lernen zu können. Aus den biblischen Erfahrungen heraus verstanden ist Fraternité also nicht das harmonische, spannungslose Zusammenleben, sondern bedeutet, aus Konflikten immer wieder zueinander zu finden. 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Norddeutschen Rundfunks, dort gesendet am 4.12.2015.

15.12.2017 Artikelarchiv >>
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