hauptmotiv

LECH LECHA

Sind wir zu schnell Gehorchende?

Auslegung von Rabbiner Lengyel

In unserem Wochenabschnitt im Ersten Buch Moses lesen wir "Und der Ewige sprach zu Awram: Ziehe hinweg aus deinem Lande, deiner Verwandtschaft und aus dem Hause deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde." Damit beginnt die so genannte erste Prüfung von Awraham.
Es gibt im Judentum, nach unseren Weisen, den Begriff assera hanissjonot schel Awraham, "Die Zehn Prüfungen von Awraham".
Anders als bei Noach, begründet die Tora die Berufung von Awraham nicht. Unsere Weisen wollten also diese Lücke, das Fehlende, füllen, deshalb haben sie die Berufung von Awraham in den so genannten zehn Prüfungen zusammengestellt.
Wir lesen in der Mischna, in der Mündlichen Lehre (Traktat Awot im Kapitel 5, Mischna 3) folgendes:
"Mit zehn Prüfungen wurde unser Vater Awraham geprüft und er bestand sie alle, um kundzutun, wie groß die Liebe unseres Vaters Awraham war, Frieden sei mit ihm."
Nun kommen wir zurück zum Vers "Ziehe hinweg aus einem Lande..."
Die Schwere der Prüfung lässt sich an der Überlegung erahnen, dass Awram, damals war sein Name noch nicht Awraham, nicht wusste, wohin ihn der Weg führt. Was muss man mitnehmen, wie sollen die Reise und der Umzug vorbereitet werden? Was braucht man in der neuen Umgebung? Außerdem hatte Awram zu diesem Zeitpunkt bereits viele Schüler und Menschen, die ihm folgten und vertrauten. Sie wären dann ohne Lehrer zurückgeblieben.
Der Satz betont die Schwierigkeiten der Herausforderung, die Awram akzeptieren wird. Es ist sehr schwer, das eigene Land zu verlassen und ein schutzloser Umherreisender zu sein.
Schwer ist es, alles, was einem in vertrauter Umgebung lieb ist, zurückzulassen. Noch schwerer ist es, aus den Werten und Gewohnheiten seiner Familie auszubrechen. Wie schön wäre es, wenn wir bei Diskussionen über die Migranten und Flüchtlinge in Deutschland heute diesen Aspekt auch verinnerlichen würden.
Awram ging ohne Rückfragen und Diskussionen los, im Vertrauen auf Gott. Uns alle beschäftigt häufig die Frage, wo die Grenzen des Glaubens liegen. Sind wir zu schnell Gehorchende? Wir fragen uns auch, warum Awram sofort bereit war, sein Land zu verlassen.
War Awram voreilig und hat er Gott blind vertraut? Hat eventuell Gott blindes Vertrauen von Awram erwartet? Fragen über Fragen, welche jeden humanistisch, aber auch religiös denkenden Menschen nachdenklich machen.
Es scheint, als ob Gott einen absolut blinden Glauben von Awram verlangt. Gott hat angewiesen und Awram führt sofort aus. Er fragt nicht, diskutiert nicht, versucht nicht zu verstehen.
Alle diese Prüfungen von Awraham, die schwerste war die zehnte, die so genannte Opferung/ Bindung seines einzigen geliebten Sohnes Jizchak, testeten Awraham. Nach vielen jüdischen Torakommentatoren bleibt jedoch offen, warum Gott Awraham geprüft hat. Soll Awrahams unanfechtbarer Glaube auf die Probe gestellt werden? Oder soll Awrahams blinder Gehorsam getestet werden, also eher seine Treue als sein Glaube?
Warum muss Gott den Menschen überaupt prüfen? Weiß er nicht alles? Der große Philosoph Maimonides antwortete, dass Gott Awraham auf die Probe stellte, gerade weil er wusste, dass er die Prüfung bestehen würde.
Eine ganz anderere Erklärung bietet uns Franz Rosenzweig. Er sah in der Prüfung eine Prüfung Gottes. Gott möchte offenkundig nur die frei denkenden Menschen als seine Leute haben. Deshalb leitet Gott die Menschen gelegentlich fehl. Der Mensch soll Gottes Wesen und Handeln nicht verstehen, der Mensch muss die Möglichkeit haben, seinen Glauben auf Vertrauen und Freiheit zu gründen.
Deshalb meine ich, dass wir häufig in unserem Alltag mit Gott hadern sollten, damit wir nicht in Fundamentalismus abgleiten.

Oktober 2013

Aus Gábor Lengyel, Betrachte nicht den Krug, sondern dessen Inhalt. Ausgewählte Predigten, Ansprachen und Vorträge, Hannover 2016

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