hauptmotiv

KI TEZE

Mutterrecht und Bruderethik

Auslegung von Rabbinerin Klapheck

Man ahnt, dass die Französische Revolution und ihre Nachfolgerevolutionen irgendwie auch mit den Ideen des Judentums zusammenhängen. Dass dies sogar für den jüdischen Status der Mutter gilt, erschließt sich bei allergenauestem Lesen der Tora-Bestimmungen im Abschnitt Ki Teze (Dewarim 21:10 – 25:19).
Carole Pateman hat in ihrem Aufsatz The Fraternal Social Contract (Der brüderliche soziale Vertrag, 1988) nachgezeichnet, wie die von der Französischen Revolution propagierte Ethik der Brüderlichkeit ursächlich auf ein Mutterprinzip zurückgeht. Mit der Losung Liberté, Egalité, Fraternité haben sich – freudianisch gesprochen – die Söhne gegen das hierarchische System des Vaters, des Landesvaters in der Gestalt des Königs, Fürsten oder Herzogs, erhoben. Was die Söhne zusammenhielt, war eine Ethik brüderlicher Solidarität.
Wovon leitete sie sich ab? Pateman zufolge war es ein Mutterprinzip als Ursprung von Identität und Ethik: Wir sind alle von einer Mutter geboren – und deshalb ursprünglich gleich. Wir haben alle als Säuglinge dasselbe Ausgeliefertsein erfahren, die Überlebensangst, den Hunger, die Abhängigkeit. Diese Ur-Erfahrung, die wir alle miteinander teilen und um deren existentielle Tiefe im Anderen wir wissen, legt nahe, im Anderen den Gleichen, den Bruder, zu sehen und uns ihm gegenüber sozial und solidarisch zu verhalten.
In der Tora kommen beide Rechtstraditionen vor – das Patriarchat, das auf dem Vater als Familienoberhaupt basiert, ebenso wie die Bruderethik der Gemeinschaft von ursprünglich Gleichen, die sich am Mutterprinzip orientiert. Ki Teze hat das Prinzip bis ins Extrem durchdekliniert. Dieses Prinzip gilt hier jedoch nicht nur für die Menschenmutter, sondern für das Mutterprinzip in der Schöpfung überhaupt. Zum Beispiel das wunderschöne Bild von dem gefallenen Nest mit den Vogeleiern (22:6-7): Wer es sieht, darf zwar die Eier essen, aber er muss die Mutter wieder frei fliegen lassen. Denn die Mutter, von der Menschenmutter bis zur Vogelmutter, genießt ihr heiliges Vorrecht. In das mutterrechtliche Prinzip fügt sich das Zusammenleben in einer brüderlicher Gemeinschaft. Jeder Israelit, der ein Haus baut, muss ein Geländer am Dach anbringen – denn wie die Vogelmutter nicht mit ihrem Nest herunterfallen darf, gilt die Sorgfaltpflicht gegenüber dem Bruder, der nicht herunterstürzen darf. (22:8)
Die Mutter bringt das Leben hervor und gibt die erste Identität. Mensch ist, wer eine Menschenmutter hat. Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat. Der Talmud setzt dies auch in Bezug auf die Tiere fort. Die Identität ist heilig, deshalb darf es keine Vermischungen geben. Ochs und Esel dürfen nicht gleichzeitig vor denselben Pflug gespannt werden (22:10). Wolle und Leinen dürfen nicht zu einem Schattnes-Stoff gemischt werden (22:11). Männer dürfen keine Frauenkleider und umgekehrt Frauen keine Männerkleider tragen (22:5).
Selbst unter extremster männlicher Vorherrschaft – im Krieg – bleibt das Mutterrecht respektiert (21:10-14). Die Tora sieht in jeder erbeuteten Frau eine potentielle Mutter, die darum Rechte hat. Wer eine schöne Gefangene raubt, darf sie nicht vergewaltigen, sondern muss sie heiraten, damit sie als Mutter zur Ausübung ihrer heiligen Rechte kommen kann. Ehefrauen müssen respektvoll behandelt werden (22:13-19), verlobte Frauen genießen besonderen Schutz (22:25-29), wer mehrere Frauen hat, darf nicht die Kinder der geliebteren Frau vorziehen (21:15-17). Denn jeder Mutter gebührt dasselbe heilige Recht.
Der Abschnitt Ki Teze bettet das Mutterrecht zugleich in die heilige „brüderliche“ Gemeinschaft Israels ein. In den Rechtsbestimmungen wird der einzelne Israelit oft mit „du“ und in der Beziehung zu „deinem Bruder“ angesprochen. Gemeint ist ausdrücklich nicht der Bruder von denselben Eltern, sondern der Bruder in einem ideellen Sinne als Mitglied derselben Solidargemeinschaft – der Bruder, von dem man mitunter nicht weiß, „wer es ist“. Ihm gegenüber trägt man eine weitgehende Mitverantwortung: „Du darfst nicht mit ansehen, wie der Ochse oder das Lamm deines Bruders in die Irre gehen und dich von ihnen wegwenden, sondern sollst sie deinem Bruder zurückbringen. (…) Wenn aber dein Bruder nicht in deiner Nähe wohnt, oder du nicht weißt, wer es ist, so sollst du es in dein Haus aufnehmen, dass es bei dir bleibe, bis dein Bruder danach fragt; dann sollst du es ihm zurückgeben.“ (22:1-4)
Eine Bruderethik findet ihr Ende jedoch dann, wenn die Söhne selber Väter werden und die Welt mit neuen Verantwortlichkeiten sehen müssen. Die Tora versucht darum beide Prinzipien – Patriarchat sowie Bruderethik in Kombination mit dem Mutterrecht – in Einklang zu bringen. Wo aber steht Gott in diesem Geflecht von Rechtstraditionen? Offensichtlich ist das Mutterrecht – das heißt ein weibliches Prinzip, das die Schöpfung fortsetzt und dabei den Gedanken der Gleichheit ausdrückt – ein geeignetes Instrument zur Verwirklichung des Monotheismus. Es korrigiert die patriarchalischen Hierarchien und gibt den Schwächeren gleiche Rechte. Trotzdem hat Gott auch Verständnis für den Patriarchen. Und was ist mit den Töchtern? Sind sie „Schwestern“ im Sinne von Brüdern?
Als Grundlage für die Gleichberechtigung der Frau ist das Mutterrecht allein in jedem Fall nicht ausreichend. Immerhin hat sich Gott hierzu in den letzten Kapiteln des vorangegangenen Buches Bamidbar (über das Erbrecht der Töchter) geäußert. In dem Moment, da sich Frauen – dort die Töchter von Zelofechad – erhoben und ebenfalls Rechte für sich forderten, sagte Gott: „Die Töchter haben recht. (Bamidbar 27:7)“ Dem Talmud zufolge waren die Töchter Zelofechads „wie Männer“ geworden – natürlich nicht biologisch gesehen, sondern nur von ihrem Rechtsstatus her. Damit gingen sie Jahrtausende avant-la-garde den Weg der modernen Emanzipation, die Rechtsgleichheit zwischen den Geschlechtern verlangt.
Ob Mutterrecht oder die Gleichberechtigung der Töchter, Patriarchat oder Bruderethik - Gott ist in der Tora immer auf der Seite derjenigen, die sich emanzipieren und die Verantwortung mittragen. Das kann sich in verschiedenen Zeitaltern in unterschiedlichen Rechtstraditionen ausdrücken. Wichtig ist es zu sehen, dass Gott nicht auf ein einziges System festgelegt ist, sondern uns die Verantwortung gegeben hat, das Recht nach den bestmöglichen Prinzipien zu gestalten.

15.09.2017 Artikelarchiv >>
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