hauptmotiv

SCHOFTIM

Weisheit und Demut

Ein König soll ständig Tora lernen, um ja nicht überheblich zu werden

Auslegung von Rabbinerin Ederberg

Schon mit seinem Namen sagt uns der Wochenabschnitt Schoftim, worum es geht: um Richter (hebräisch: Schoftim), um Recht und um Gerechtigkeit. Nachdem im Folgenden neben den Richtern die weiteren Elemente des Rechts und damit auch die Grundlagen des Rechtsstaates gelegt worden sind (Richter, so etwas wie Polizisten, ein geordnetes Verfahren mit unabhängigen Zeugen), wird schließlich auch noch ein weiteres Amt erwähnt: das des Königs.

»Wenn du – nachdem du in das Land gekommen bist, das der Ewige, dein Gott, dir gibt und du es erobert und besiedelt hast – sagen solltest: ›Ich will einen König über mich setzen wie alle Völker ringsherum‹, dann setze einen König über dich, den der Ewige, dein Gott, aussuchen wird aus deinen Reihen« (5. Buch Mose 17,14).

Bedürfnis

Wenn wir an die Berichte aus der 400 Jahre andauernden Königszeit denken, an David, Schlomo und die vielen anderen Könige Israels und Judas, dann erscheint die Rolle des Königs hier in unserer Parascha doch eher zweitrangig. Einen König zu haben, ist ein Zugeständnis Gottes an menschliche Bedürfnisse – nach dem Motto: »Wenn ihr unbedingt wollt«.

Dies setzt sich in den weiteren Versen fort. Über die Richter erzählt die Tora, was sie tun sollen, über den König aber, was er nicht tun soll. So soll der König weder viele Pferde haben noch das Volk nach Ägypten führen. Auch viele Frauen soll er nicht haben und keine Reichtümer anhäufen. Was soll er aber dann tun? Er soll ständig aus der Tora lernen, um nicht überheblich zu werden.

Auch wenn diese Rolle des Königs nicht mit dem übereinstimmt, was wir von David und den anderen Königen wissen, so entspricht diese Rollenverteilung doch dem ganzen Schema der Tora. Vier der fünf Bücher Moses handeln von dem kurzen Zeitraum zwischen der Befreiung aus Ägypten und dem Einzug ins Land Israel. Der Anführer ist Mosche, sein Nachfolger, der Vollstrecker des Planes, das Land Israel zu erobern und zu besiedeln, ist Jehoschua bin Nun. Wo soll da ein König eine führende Rolle spielen? So berichtet uns auch das Buch der Richter von Jahrhunderten nach dem Einzug ins Land, in denen keine Könige, sondern Richter das Land regierten.

Genauso wie es eine lange Zeit gab, in der noch keine Könige existierten, gibt es auch eine lange Zeit, in der Könige der Vergangenheit angehörten. Für das Volk Israel sind die Könige ein historisches Phänomen von 400 Jahren: von etwa 1000 bis 586 vor der Zeitrechnung. Nach dem babylonischen Exil war meist der oberste Priester auch der politische Chef. Und nach der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 n.d.Z. war nicht nur das Königtum, sondern jede Art jüdischer Eigenstaatlichkeit vorbei.

Schweigen

Trotzdem ist es erstaunlich, dass die Rabbinen, die doch bemüht waren, das ganze Feld jüdischen Lebens systematisch darzustellen, zum Thema »König« nichts zu sagen hatten. Zwar kommt das Stichwort »König« gelegentlich vor, aber an keiner Stelle mit dem bei den Rabbinen doch sonst immer sich vordrängenden Impuls, grundsätzlich etwas zum Thema zu sagen.

Das Schweigen der Rabbinen ist ähnlich zu erklären wie das Schweigen der Tora. Denn der Versuch, wieder einen eigenen Staat mit jüdischer Regierung zu etablieren, an dessen Spitze der Messias steht, also der gesalbte König aus dem Hause Davids, hatte zu drei aufeinanderfolgenden Katastrophen geführt: zu den beiden jüdischen Kriegen um 70 und 135 n.d.Z. sowie zum Diasporaaufstand um 115 n.d.Z.

Konflikte

Erst der Rambam, Maimonides (1138–1204), behandelt 1000 Jahre nach den Rabbinen das Thema »Könige«. Er wusste aus seinem bewegten Leben zwischen Spanien und Ägypten, zwischen Medizin, Politik und Tora, nur zu genau, wie politische Konflikte aus der Nähe aussehen.

Wieso widmet er sich einem Thema, das fast anderthalb Jahrtausende offenbar keines war? Der erste, aber sicher nicht der entscheidende Grund ist das Streben nach Vollständigkeit. Der Anspruch des Rambam war, mit seinem neuen Werk die gesamte Literatur der Rabbinen des ersten Jahrtausends, den ganzen Talmud überflüssig zu machen. Dies zeigt er schon im Namen seines Werkes: Mischne Tora – »zweite Tora«. Sie soll die gesamte mündliche Tora der Rabbinen ersetzen.

Der wichtigere Grund aber war die Verknüpfung zwischen dem Königtum und dem Haus David, also dem erwarteten Messias. Wenn der Rambam zum Thema »Messias« und »messianische Zeit« sinnvoll Stellung nehmen wollte, musste er auch zum Thema »Königtum« reden.

Schaut man sich an, wie er das macht, so fällt auf, dass die Einzelteile nicht recht zusammenpassen. Er führt die Stellen aus den historischen Berichten der Bibel über die Könige an, in denen deren Macht zwar manchmal kritisiert, aber nie grundsätzlich infrage gestellt wird. Ebenso bringt er die Stellen aus der Tora und der rabbinischen Literatur, in denen aus dem mächtigen König erst ein folgsamer Student der Tora und dann ein braver Helfer der Rabbinen wird.

Ägypten

An der Reihenfolge, in der Rambam diese Stellen arrangiert, wird auch seine Tendenz deutlich. Erst kommt das biblische Zitat aus den prophetischen Büchern, das die Macht des Königs herausstellt, dann folgt die radikale Einschränkung durch Zitate aus der Tora und der rabbinischen Literatur. Besonders deutlich wird diese Strategie, den Ballon erst aufzublasen und dann die Luft herauszulassen, angesichts des Verbots, das Volk oder Teile des Volkes nach Ägypten zu führen. Maimonides schreibt ja in Ägypten aus der Position des Hofarztes.

Was soll uns das heute sagen, in einer Zeit, in der es wieder einen Staat gibt, das moderne Israel? Jenseits radikalster Kreise, die ihren Gruppenanführer als messianischen König ansehen, sind sich die Säkularen, die zurzeit noch den modernen Staat Israel dominieren, wie auch das religiöse Lager von Orthodoxie und Ultraorthodoxie in einem einig: König und Königtum spielen keine relevante Rolle. Für die einen liegt es daran, dass man sich als modernen liberalen Rechtsstaat sieht. Die anderen begründen es damit, dass die Tora und diejenigen, die in ihr gelehrt sind, den Vorrang haben sollen. Wir können daraus lernen: Im Zweifelsfall ist es wichtiger, was getan wird, als wer es tut.


Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung der Jüdischen Allgemeinen, dort erschienen am  20.08.2015.

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