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SCHELACH LECHA

Was "glaubst" du?

Derzeit läuft in der ARD die Themenserie zur Frage: Was glaubst du?

Auslegung von Rabbinerin Klapheck

Als Rabbinerin werde ich natürlich immer wieder auf meinen „jüdischen Glauben“ hin befragt. Tatsächlich aber haben die meisten Juden Probleme mit dem Wort „Glaube“. Auch für mich ist es ein Wort, das mir unter Juden so gut wie nicht über die Lippen kommt. Es ist zu christlich besetzt – es klingt zu religiös in einem christlichen Sinn.

Mein reserviertes Gefühl zum Wort „glauben“ besagt: Glauben tut man an Dinge, die logisch nicht erklärt werden können. Etwa die jungfräuliche Geburt – oder die Wiederauferstehung Jesu. Den Glauben an Wunder haben wir Juden eigentlich schon lange hinter uns! Mag sein, dass in der Bibel noch Wunder vorkommen – im Talmud lassen die Rabbinen keine Wunder mehr gelten. Für sie zählte nur noch die Diskussion, das Argumentieren, die vielen Meinungen und am Ende die Abstimmung.

Mit dieser Einstellung wird es natürlich schwierig, wenn man mit Menschen aus anderen Religionen über Glaubensinhalte diskutieren will. Mittlerweile behelfe ich mir etymologisch – das Wort „glauben“ hängt zusammen mit „geloben“. Damit kann ich etwas anfangen. Christen geloben, die Aussagen der Bibel, vor allem des Neuen Testamentes als ihre Tradition zu leben. Juden geloben ebenfalls die Aussagen der Bibel und ihre rabbinische Weiterentwicklung als ihre jüdische Tradition zu leben.
Glauben als geloben – sich für etwas entscheiden, dass man vielleicht nicht in allen Details glaubt – aber das durch das Geloben, doch zu einer gelebten Realität wird.

Trotzdem bleibt es ein schwieriges Wort.

Maimonides, der große jüdische Philosoph im Mittelalter, hatte es versucht. Er formulierte 13 Glaubensartikel, die ein jüdisches Glaubensbekenntnis ausdrücken sollten. Jeder Artikel beginnt mit den pathetisch anmutenden Worten – „Ani ma’amin“ – „Ich glaube“ – Ani ma’amin be’emuna schlema – Ich glaube in ganzem Glauben –

Der erste der 13 Glaubensartikel lautet:
"I. Ich glaube in ganzem Glauben, dass der Schöpfer, gelobt sei sein Name, jegliche Kreatur schafft und lenkt und dass er allein der Urheber alles dessen ist, was geschah, geschieht und geschehen wird."

Hm – ich weiß nicht, ob das so stimmt – soll ich es deswegen glauben? Ich würde lieber darüber diskutieren. Wie auch über alle weiteren Glaubensartikel von Maimonides, die man zwar im jüdischen Religionsunterricht lernt – die sich aber trotzdem nicht als allgemeines jüdisches Glaubensbekenntnis durchgesetzt haben.

Der zwölfte Glaubensartikel ist besonders stark formuliert. Er wird in meiner Synagoge traditionell an Jom Kipur, mit einer sehr schönen, getragenen Melodie - unmittelbar nach dem Jiskor, dem Gedenken an die Toten – gesungen. Beim Jiskor gedenken wir immer auch der Opfer der Schoa, zumal unsere älteren Mitglieder sie noch erlebt haben. Wenn wir unmittelbar danach Maimonides‘ 12. Glaubensartikel singen, kommt mir die Gänsehaut:
"XII. Ich glaube in ganzem Glauben, dass der Messias kommt, und ungeachtet seines langen Ausbleibens erwarte ich täglich seine Ankunft."

Glaube ich das?
Meine Gänsehaut müsste die Frage eigentlich bejahen. Aber ich dränge das Ja zurück.
Im Hebräischen ist das Wort „glauben“ – etymologisch verbunden mit dem Wort „vertrauen“. Damit fühle ich mich besser – ich „vertraue“ darauf, dass das messianische Zeitalter keine leere Utopie ist.
Und doch berührt das auch wieder, was ich zu glauben bereit bin. Der Wochenabschnitt an diesem Schabbat drückt es meisterhaft aus. Er erzählt von den 12 Kundschaftern, die in der letzten Phase der Wüstenwanderung der Kinder Israel vorgeschickt werden, um das Land zu erkunden. Zehn von ihnen kommen schockiert zurück. Sie glauben nicht daran, dass die Kinder Israel das Land einnehmen können. Zu groß, zu mächtig, zu feindselig erscheint ihnen die dort lebende Bevölkerung. Nur zwei der zwölf sind begeistert und erzählen von dem Land und seinen Schönheiten. Sie glauben, dass die Kinder Israel es schaffen werden, in das Land einzuziehen und sich dort niederzulassen. Von den zwölf sind es nur diese beiden, die später das Land betreten werden. Weil sie daran geglaubt haben.

Auch wenn diese Art zu glauben zu einem Ansporn für mich geworden ist – darf ich sie doch nicht verallgemeinern. Viele glauben – und erhalten trotzdem nicht, woran sie geglaubt haben.
Deshalb bleibt es schwierig.
Vertrauen ist das Äußerste, was ich meinem Gott geben kann – Glauben ist zu viel verlangt.

Schabbat Schalom

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des rbb, dort gesendet am 16.6.2017.

23.06.2017 Artikelarchiv >>
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