hauptmotiv

BEHA'ALOTCHA

Was war Mirjams Sünde?

Auslegung von Rabbiner Wolff

Sehr, sehr böse war Gott in der morgigen Torah-Vorlesung mit Mirjam, der Schwester seines treuen Dieners Moses. Denn sie hatte sich gegen Moses und seine neue Frau gewandt.

Also was hatte sie sich denn genau zu Schulde kommen lassen? Hat sie nur kritisch geredet, so wie viele von uns reden, wenn ein älterer Herr sich eine zweite oder sogar dritte jüngere Frau nimmt? Der alte Bock, sagen wir, oder was auch immer.

Oder war Gott so böse, weil Mirjam zusätzlich noch gegen ihren jüngeren Bruder intrigiert hatte? Ich würde meinen, dass als ältere Schwester, die sich sehr um ihren Bruder gekümmert hatte, sie das gute Recht hatte, sich über sein Handeln und Benehmen zu äußern. Jeder, der so wie ich eine ältere Schwester hat oder hatte, ist sich eben dessen bewusst, dass ältere Schwestern eine gewisse Autorität über ihre jüngeren Brüder lebenslang beanspruchen. Meine Schwester hatte immer sehr bestimmte Meinungen über das Tun oder Lassen ihrer zwei jüngeren Brüder. Darum haben wir sie trotzdem sehr geliebt.

Mirjam hatte sogar noch ein besseres Recht als jede andere ältere Schwester sich zu äußern, denn sie hatte Moses, als er noch ein Baby war, schließlich sein Leben gerettet, indem sie über ihn gewacht hat, als ihre Mutter ihn in eine Schachtel, die sie in ein kleines Schiff umgewandelt hatte, in den Nil-Fluss legte. Dort blieb er dann in Lebensgefahr, bis die ägyptische Prinzessin ihn durch Zufall fand und ihn dann adoptierte.

Also warum war Gott so böse, dass er sie schwer bestraft hat? Ob sie wirklich ersnthaft gegen ihren Bruder intrigiert hat, das wissen wir bis heute nicht. Was wir wohl wissen, ist dass sie ihn verurteilt hat, weil er sich eben noch eine Frau genommen hatte. Und genau diese Verurteilung fand Gott nicht akzeptabel, die fand Gott würdig einer ernsten Strafe. Menschen zu verurteilen, ist bis zum heutigenTage in der jüdischen Skala der Werte ein schlimmes Vergehen.

Denn was tun wir, wenn wir jemanden verurteilen, weil er eine neue Frau hat, oder weil sie ins Ausland gezogen ist, während ihre alten Eltern alleine zu Hause bleiben mussten, oder weil ein Familienvater mit vier Kindern seinen sicheren Posten aufgibt, um einen besser bezahlten, aber sehr unsicheren Posten anzunehmen?

Wenn wir jemanden verurteilen, geben wir dieser Person meistens keine Chance sich zu verteidigen. Wir geben uns selbst auch niemals eine Chance wirklich herauszufinden, wie und warum er oder sie wirklich gehandelt haben.

Wenn ein Richter jemanden als schuldig oder nicht schuldig erkennt, dann tut er dies nach einem Prozess der Tage oder Wochen gedauert hat, wo jeder Beweis oder Gegenbeweis zur Sprache kam, wo Zeugen streng von Anwälten ins Kreuzverhör genommen worden sind. Danach kann das Urteil immer noch in einem höheren Gericht angefochten werden.

Aber was tun wir, wenn wir uns ein Urteil über einen Mitmenschen erlauben? Meistens kein Prozentsatz der Sorgfalt, mit welcher ein Gericht an die Arbeit geht. Ich hatte einen Freund, der als er 40 wurde, seine Frau und zwei jungen Söhne verlassen hat. Ich fand das damals sehr Unrecht. So fragte ich mich, ob ich mit ihm in Kontakt bleiben sollte, oder die Freundschaft abbrechen sollte. Ich habe den Kontakt aufrecht erhalten. Und einige Jahre später erst fand ich heraus, dass er ständig in Kontakt mit seinen Kindern geblieben war, sich weiterhin väterlich um sie gekümmert hatte.

So kommen wir oftmals zu einem Urteil, ohne dass wir alle Umstände erforscht haben. Mit unserem Urteil verletzen wir dann nicht nur den Menschen, aber die ganze menschliche Würde. Denn die Würde eines anderen Menschen steht ständig unter unserem Schutz. Es benötigt nur ein Wort, um diese Würde zu verletzen oder zu zerstören.

Das war schließlich die Sünde Mirjams, dass sie die Würde ihres Bruders versucht hat zu zerstören, dass sie sich ein Urteil erlaubt hat, dass schließlich nur Gott in der Lage war sich zu erlauben. Denn nur Gott kennt alle Umstände, die das Handeln von anderen Menschen bedingen. So liegt das endgültige Urteil immer nur bei Gott.

Schabbat Schlaom


Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung des RBB, dort gesendet am 6.6.2014.

16.06.2017 Artikelarchiv >>
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