hauptmotiv

NASSO

Die älteste Bracha

Birkat haKohanim - Was die Weisen über den Priestersegen sagen

Auslegung von Rabbiner Almekias-Siegl

Der Priestersegen ist ein Relikt aus dem Tempelkult und zählt zu den Bestandteilen des ständigen Opfers (korban hatamid). Die Priester sprachen ihren Segen jeden Tag am Morgen und in der Abenddämmerung vor dem Brandopfer. In der Zeit der Amoräer nannte man den Platz, auf dem die Priester standen und das Volk segneten, Duchan. Dieser Begriff ist für den Segen selbst bis heute in den aschkenasischen Gemeinden gebräuchlich. Nach der Zerstörung des Tempels fand dieser Brauch seinen Platz in der Synagoge.

In unserem Wochenabschnitt, Nasso, lesen wir den Priestersegen: »Und der Ewige sagte zu Mosche: Sprich zu Aharon und seinen Söhnen: So sollt ihr die Kinder Israel segnen, ihr sollt zu ihnen sprechen: Der Ewige segne dich und behüte dich. Der Ewige lasse dir sein Antlitz leuchten und sei dir gnädig. Der Ewige wende dir sein Antlitz zu und gebe dir Frieden. Sie sollen meinen Namen auf die Kinder Israel legen, und ich will sie segnen« (4. Buch Moses 6, 22-27).

Hände

Mit welchem Spruch hat Aharon nun das Volk gesegnet? Darauf antwortet Raschi (1040–1105): »Und er segnete sie mit dem Priestersegen.« Warum steht nicht sofort geschrieben: »Und er segnete sie und sagte: Der Ewige segne dich ...«? Der Jerusalemer Talmud (Jeruschalmi) antwortet darauf und stellt sofort eine Frage: »Woher kommt das Heben der Hände? (Taanit 4,1) So sollt ihr die Kinder Israels segnen (4. Buch Moses 6,23) im Schacharit und im Gebet überhaupt.«

Auf die Frage nach der Herkunft des Priestersegens, ob er ein Bestandteil des Priesterkults und der Opferhandlungen im Tempel war, antwortet der Jeruschalmi, indem er sich auf 3. Buch Moses 9,22 bezieht: »Und Aharon öffnete seine Hände gegen das Volk und segnete sie. Und nachdem er so das Sündenopfer, das Ganzopfer und die Friedensopfer dargebracht hatte, stieg er hinab.«

Diese Abfolge in Aharons Handlungen gefällt dem Jeruschalmi nicht. Er möchte es umgekehrt verstanden wissen: Nachdem er so das Sündenopfer, das Ganzopfer und die Friedensopfer dargebracht hatte, stieg er hinab, und dann erhob er seine Hände gegen das Volk und segnete sie.« Der Talmud möchte uns klarmachen, dass mit dem ausgesprochenen Segen der Kult im Tempel beendet ist. Also setzt der Segen den Schlusspunkt.

Im Sefer Hachinuch lesen wir, dass den Priestern befohlen ist, das Volk Israel täglich zu segnen (Mizwa 367). Außerdem werden wir darüber belehrt – auch von der Tora –, dass die Pflicht dieser Mizwa nicht nur im Tempel auszuüben war. Auch außerhalb des Heiligtums ist das Volk Israel täglich im Gebet zu segnen.

Bodenpersonal

Warum sind nun allein die Priester ausersehen und verpflichtet, das Volk zu segnen? Auch darauf antwortet das Sefer Hachinuch. Es sagt uns, dass G’tt daran interessiert ist, sein Volk durch sein »Bodenpersonal« zu segnen, weil sie durch ihren konzentrierten Dienst im Tempel eine besonders enge gedankliche und seelische Verbindung zu ihm aufweisen. Zudem unterziehen sie sich Reinheitsvorschriften, aufgrund derer sie sich für den Mittlerdienst zwischen G’tt und seinem Volk besonders eignen.

Es muss nicht der Hohepriester sein, der segnet, es genügt auch ein »Durchschnittskohen«, der aber vor allem zwei Sünden nicht begangen haben sollte: Götzendienst und Tötung von Menschen.
Und weiter fragt das Sefer Hachinuch: Wenn G’tt Seinen Segen dem Volk so bereitwillig und gern geben will, warum handelt er dann nicht direkt an ihm, sondern durch die Vermittlung der Priester? Es soll uns daran erinnern, dass dem Empfang des Segens unsere Beachtung der Tora und ihrer Mizwot vorausgeht. Der Priester ist dabei nur G’ttes Werkzeug.

Unsere Weisen sagen, dass ein Duchan nur durch einen Minjan ausgeführt wird, zu dem auch die anwesenden Priester zu zählen sind. Aber was ist, wenn dieser Minjan in einer Synagoge ausgerechnet aus zehn Priestern besteht? Sollen sie ihr Angesicht in eine leere Synagoge hinein erheben? Der Schulchan Aruch sagt: »Alle Priester müssen zum Duchan« (Orach Chaim 128,25).

Aber wen segnen sie dann? Wer könnte das Amen sprechen, wenn die Synagoge leer ist? Der Schulchan Aruch schreibt dazu: Die Brüder in den Feldern sprechen das Amen. Der Segen wird seine Adressaten auch außerhalb finden, in den Menschen, die auf der Straße gehen, die arbeiten. Sie werden diese Bracha empfangen.

kantor

Im Wortlaut des Priestersegens stoßen wir auf eine Doppelung der Anweisung G’ttes. Sie lässt vermuten, dass hier neben den Priestern auch der Kantor bei der Segensübermittlung an das Volk eine Funktion hat. Baal Hachinuch geht davon aus, dass der Kantor dem Priester den Segen zunächst wortwörtlich vorsagt, ehe dieser ihn an das Volk weitergibt. Aber bevor die Priester beginnen, die Worte des Kantors zu wiederholen, müssen sie erst eine eigene Bracha sagen: »Gelobt seist Du, Ewiger, unser G’tt, König der Welt, der uns geheiligt hat und uns befohlen, in der Heiligung von Aharon das Volk Israel mit Liebe zu segnen.«

Nun können wir auf den ersten Blick nicht erkennen, wo in der Bibel geschrieben steht, dass die Priester mit Liebe das Volk segnen sollen. Die Mischna Brura (Orach Chaim 128,37) schreibt: Auch wenn zwei Priester einander hassen, dürfen sie beide segnen. Denn der eine kann nicht über den anderen verfügen und zu ihm sagen: Du gehst ins Schacharit, und ich gehe ins Mussaf. Oder im anderen Fall, wo Kohen und Mitbeter einander nicht mögen, ist es dem Kohen nicht gestattet, die Gemeinde zu segnen. Er muss die Synagoge vor dem Segen verlassen.

Auch das Buch Sohar bezieht sich auf dieses Thema und zitiert aus Mischle: »Wer wohlwollenden Auges ist, wird gesegnet, denn er gibt von seinem Brot dem Armen (22,9). Das heißt: Nur derjenige, der mit gütigen Augen auf die Gemeinde schaut, liebt sie und kann sie segnen. Es geht also letztlich um eine Konstellation des Verhaltens, in der die Liebe Raum greifen kann – unter den Kohanim und zwischen den Kohanim und der Gemeinde. Sie ebnet den Weg für den wahren Segen G’ttes. Diese Liebe ist es, die im Segen der Priester gemeint ist.

Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung der Jüdischen Allgemeinen, dort erschienen am 31.05.2012.

09.06.2017 Artikelarchiv >>
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