hauptmotiv

KI TISSA

Zum Greifen nah

Das Volk schuf das Goldene Kalb, weil es sich nach einem sichtbaren Gott sehnte

Auslegung von Rabbiner Pal

Der letzte Teil des Buches Exodus beschäftigt sich vorrangig mit der Frage, wie die Beziehung zwischen den Menschen und Gott aufgebaut ist. Die Antwort darauf beginnt bereits im vorletzten Wochenabschnitt Teruma.

Der beschreibt die komplizierte Konstruktion des Mischkan, eines tragbaren, zeltartigen Heiligtums. Der Mischkan soll das spirituelle Zentrum der Israeliten werden, auf einer langen, 40-jährigen Wanderschaft durch die Wüste. Teruma beschreibt, wie Mosche genau bis ins Detail offenbart wird, was sich im Mischkan befindet und welche Kleidung die Kohanim tragen. Dem folgt die Beschreibung, wie die israelitischen Handwerker diese Vorschriften umsetzen.

HEILIGTUM

Mit der Erschaffung des Mischkan entstand vor allem ein Ort, an dem die Gegenwart des Ewigen präsent war. Doch die wichtigste Frage ist trotz der aufwendigen, komplizierten und teuren Herstellung des Heiligtums nicht beantwortet: Wie sollen die Israeliten in eine spirituelle Verbindung mit ihrem Gott treten und diese aufrechterhalten?

Indem religiöse Institutionen und Strukturen geschaffen wurden, entstand im persönlichen und gemeinschaftlichen Leben ein Platz für den Ewigen. Wie geht man aber mit dem Göttlichen um, wie nutzt der Mensch das Göttliche? Das wird nicht beantwortet. Wir müssen ein wenig warten, bis wir darauf eine Antwort bekommen, denn die gibt erst der aktuelle Wochenabschnitt Ki Tissa.

Anders als die vorhergehenden und die folgenden Abschnitte enthält er keine technischen Details, sondern er schildert die Herausforderungen und Erfahrungen des jüdischen Volkes in der Wüste, unter anderem die Geschichte vom Goldenen Kalb. Das negative Beispiel lehrt uns, dass wir Gott nicht eingrenzen können, indem wir den Ewigen auf eine von Menschenhand geschaffene Statue reduzieren.

HILFE

Die Israeliten waren beunruhigt, dass ihr Führer Mosche vom Berg nicht wieder zurückkommt. Das Volk fühlt sich von Gott und von seinem Anführer verlassen und sucht Hilfe bei Aharon, der während Mosches Abwesenheit auf die Israeliten aufpassen muss. Sie fordern von ihm, dass er ihnen einen Gott erschafft, der das Volk auf seiner Reise durch die Wüste anführt.

Mosches Bruder Aharon bleibt nichts anderes übrig, als dem Volk nachzugeben. Er fordert von den Menschen Gold ein, schmilzt es und gießt daraus die Figur eines Kalbes. Die Abbildung, bekannt als das Goldene Kalb, wird von den Israeliten als ihr Gott anerkannt, der sie aus Ägypten herausführte. Dann baut Aaron vor dem Kalb einen Altar auf und erklärt den folgenden Tag als den Tag des Ewigen.

Und während am nächsten Tag die Israeliten am Fuße des Berges ihren neuen »Gott« feiern, benachrichtigt der Ewige Mosche über die Vorgänge am Fuße des Berges. Die Reaktion des Volksführers kommt prompt: Er rennt hinab, um sich ein Bild von den Ereignissen zu machen. Als er unten ankommt, sieht er das Goldene Kalb und die feiernde Menschenmasse. Wütend zerschlägt er die Gesetzestafeln, tadelt seinen Bruder und übernimmt wieder die Führung der Israeliten.

GRENZENLOS

Halten wir einen wichtigen Aspekt dieser Geschichte fest: Die Israeliten hatten nicht vor, ihren Gott, der sie aus Ägypten geführt hat, durch eine andere Gottheit zu ersetzen. Sie hatten auch nicht vor, ihren Gott zurückzuweisen. Vielmehr wollten sie einen Gott haben, der für sie auf ihre Weise begreifbar war. Der Auszug und die Offenbarung am Sinai boten den Menschen ein Bild des Gottes, der grenzenlos mächtig war. Es war der Gott, der sie aus der Sklaverei in die Freiheit führte und ihnen jetzt möglicherweise ihren Anführer Mosche genommen hatte.

In dieser Situation gibt Aharon, der hohe Priester, nach und fügt sich dem Wunsch des Volkes. Es bleibt ihm nichts anderes übrig. Während Mosche auf der Spitze des Berges die grenzenlose Natur Gottes erfährt, steht Aharon vor einer schweren Aufgabe: Er soll den Ewigen in eine Form bringen, die den Menschen verständlich ist. Das Abbild Gottes, das Aharon herstellte, befriedigte das geistige Verlangen der Israeliten.

Aharon gab ihnen ein Abbild Gottes, das mitten in ihrem Leben war. In diesem Abbild, ja durch dieses Abbild konnten sie den wirklichen Gott erkennen, der sie aus Ägypten herausführte. Mit dem Goldenen Kalb hatten sie ein Bild Gottes, das sie mit sich tragen konnten, das Sicherheit versprach – einen domestizierten Gott. Die einzige Schwierigkeit bestand darin, dass es nicht Gott war. Es war im besten Falle ein Versuch, die grenzenlose göttliche Herrlichkeit in Raum und Zeit einzufangen. Der größte Fehler des Volkes war es, dies nicht zu erkennen. Und ihre Sünde bestand darin, zu glauben, dass dieses Abbild wirklich Gott ist.

BEDÜRFNISSE

Auch heute gibt es Menschen, die nicht frei von diesem Fehler sind. Obwohl kaum einer Gott auf ein Abbild reduziert, versuchen Menschen immer noch, Gott auf das zu reduzieren, was sie gerade brauchen. Dabei sind es nicht die spirituellen Bedürfnisse, für die sie Gott benutzen. Noch viel schlimmer aber sind Menschen, die Gott für ihre schlechten Taten missbrauchen und ihr Tun damit begründen, dass sie den göttlichen Willen ausführen.

Die Geschichte vom Goldenen Kalb zeigt uns, dass die Tora dieses Handeln nicht billigt. Das Beste, was wir tun können, ist, einen Platz für Gott in unseren Herzen, unseren Häusern und innerhalb unserer Gemeinschaft zu schaffen und dafür zu beten, dass diese Plätze vom göttlichen Geist erfüllt sind. Ansonsten geraten wir in Gefahr, in dieselbe Falle zu tappen wie einst Aharon und die Israeliten.

Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung der Jüdischen Allgemeinen, dort erschienen am 8.3.2012.

31.03.2017 Artikelarchiv >>
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