hauptmotiv

SCHABBAT SACHOR

Amalek in der Gegenwart

Auslegung von Rabbinerin Klapheck

Heute ist ein besonderer Schabbat – es ist der Schabbat vor Purim. Man nennt ihn „Schabbat Sachor“ – was so viel heißt wie ein „Schabbat zum Thema ‚Erinnere dich!‘“ Man liest an diesem Tag zusätzlich zur normalen Tora-Lesung noch die Verse aus dem Buch Deutronomium:
„Erinnere dich, was dir Amalek angetan hat, auf dem Wege als du aus Ägypten auszogst, wie er dir entgegentrat auf dem Wege und wie er, als du müde und matt warst, alle die aus Schwäche hinter dir zurückblieben, von dir abschnitt, ohne Gott zu fürchten. Wenn nun der Ewige, dein Gott, dir Ruhe schafft, vor allen deinen Feinden ringsumher, in dem Lande das dir der Ewige, dein Gott, zu eigen geben wird, so sollst du die Erinnerung an Amalek unter dem Himmel auslöschen. Vergiss es nie!“ (Deu. 25,17-19)

Wer ist Amalek?

Im Buch Exodus wird die Konfrontation der Israeliten mit Amalek in der Wüste geschildert. Amalek war ein kleiner Wüstenstamm, der die Israeliten hinterrücks angriff. Solange in dieser Schlacht Moses die Arme zum Himmel hochhielt, obsiegten die Israeliten. Wurden sie jedoch schwach und sanken, obsiegten die Amalekiter. Am Ende gewannen die Israeliten, aber – damit war die Episode nicht beendet, sondern nahm ihren ewigen Anfang. Gott sagte:
„Schreib dir dies zum Gedächtnis in ein Buch (…): Ich will die Erinnerung an Amalek ganz und gar auslöschen unter dem Himmel...Krieg hat der Ewige mit Amalek von Geschlecht zu Geschlecht!“ (Ex. 17,8-16)

Der Kampf gegen Amalek war also nicht nur eine missliche Feindschaft unter zwei Völkern – ein Krieg um Land oder um Vorherrschaft. Offenbar ging es um etwas ganz Grundsätzliches, um einen Gotteskrieg –
„Krieg hat der Ewige mit Amalek von Geschlecht zu Geschlecht!“

Und jetzt am Schabbat Sachor sollen wir uns wieder daran erinnern, dass Amalek nicht tot ist. Das liegt an der Purim-Geschichte. Einer ihrer Protagonisten ist der Haman, der die Juden in Persien vernichten wollte. Das war ihm wegen des beherzten Einschreitens der jüdischen Königin Esther nicht gelungen. Doch obwohl er am Ende am Galgen hängt, lebt sein Erbe fort. Das Esther-Buch in der Bibel beschreibt Haman als einen Nachfahren des Königs Agag, der König über die Amalekiter gewesen sein soll. Damit steht auch die Purim-Geschichte im Zeichen des Kriegs zwischen Gott und Amalek – ausgetragen zwischen Esther und Mordechai sowie dem Judenhasser Haman.

Amalek wurde in der rabbinischen Literatur zur Ausgeburt des Bösen. In jeder Generation gäbe es so einen Bösen, der aufsteht und die Juden vernichten will, aber Gott habe sein Volk immer wieder errettet – heißt es zum Beispiel auch in der Pessach-Geschichte.

Heute gibt es eine jüdische Theologie, die versucht, die Schoa zu deuten. In ihr spielt Amalek ebenfalls eine wichtige Rolle. Hitler sei ein moderner Amalek gewesen.

Der Schabbat vor Purim hält uns also an, uns des Bösen bewusst zu werden. Die Mahnung „Erinnere dich an Amalek!, damit die Erinnerung an Amalek ausgelöscht wird“, ist natürlich ein Paradox. Wenn man sich jedes Jahr an Amalek erinnern soll, kann die Erinnerung nie ausgelöscht sein.

Ich bin darum ambivalent gegenüber dieser Aufforderung. Wird sie nicht zur self fulfilling prophecy. Wenn man glaubt, dass der Antisemitismus niemals aufhört, beschwört man ihn damit nicht auch herauf?

Zugleich hat die Aufforderung, niemals zu vergessen, was Amalek getan hat, gerade heute eine neue Aktualität. Denn mit der Erinnerung an Amalek verbindet sich ein weiterer Hinweis. In dem hebräischen Wort für „Erinnere dich“ – Sachor – steckt auch das Wort „sachar“, auf Deutsch: „männlich“. Amalek wird in der rabbinischen Auslegung als ein Mann gesehen, der einen Männlichkeitskomplex hat. Er will auf den Gottesthron und kennt dabei keine Grenzen. Als Haman protzt und prahlt er ohne jede Bescheidenheit. Sein tiefer Judenhass ist aber nur ein Zeichen seiner Männlichkeitskrise. Doch gerade das macht ihn so gefährlich.

Amalek – das Wort klingt wie eine Verballhornung des Wortes „Melech“ – auf Deutsch „König“. Er ist ein grotesker König, über den man eigentlich lachen könnte, wenn er nicht so gefährlich wäre. Gerade heute sehen wir ihn auf der politischen Weltbühne wieder – und das ausgerechnet auch in westlichen Demokratien, wo dies nicht erwartet wurde. Da ist die Aufforderung sich zu erinnern am Schabbat vor Purim doch die richtige Mahnung.

Schabbat Schalom

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des NDR, dort gesendet am 10.3.2017.

17.03.2017 Artikelarchiv >>
Rabbiner & RabbinerinnenStrömungenPositionenBet DinPublikationenLinksImpressum
Bookmark für: Facebook
Home
logo der allgemeinen rabbinerkonferenz

© Allgemeine Rabbinerkonferenz
Meldungen

Beherzter Macher

Henry G. Brandt wurde am 25. September 90 Jahre alt – eine persönliche Würdigung

von Rabbinerin Elisa Klapheck

Mitte der 90er-Jahre habe ich Rabbiner Henry Brandt bei einer Tagung des wieder entstehenden liberalen Judentums kennengelernt. Unter der...

Lesen Sie mehr...

Portrait Rabbiner Henry Brandt


Paraschat Haschawua

WAREJA

Auslegung von Rabbiner Almekias-Siegl

Früchte der Selbstlosigkeit

Gastfreundschaft und andere gute Taten werden belohnt – in der Tora gibt es mehrere Beispiele dafür

Dem Patriarchen Awraham kommt im Judentum eine besondere Bedeutung zu. Er gilt als Säule der Welt, weil ihm von Gott das Geheimnis des Lebens offenbart wurde. Es besteht in der Erkenntnis der göttlichen Gnade und Gunst. Awraham liebte diese Eigenschaften des...

03.11.2017   Lesen Sie mehr...