hauptmotiv

TOLDOT

Isaaks Angst

Wenn Väter keine Autorität entwickeln

Auslegung von Rabbinerin Klapheck

Isaak ist der Prototyp des schwachen Vaters in der Bibel. Er kann froh sein, dass er eine starke Frau hat – Rebekka. Sie trifft alle Entscheidungen – auch die über die Erbnachfolge. Nicht der ältere Sohn Esau, sondern der jüngere, Jakob, soll den Segen des Erstgeborenen erhalten.
Wir lesen in dem heutigen Wochenabschnitt der Tora, wie sich Jakob, der zweitgeborene Sohn, von seinem erblindeten Vater Isaak den Segen des Erstgeborenen erschleicht. Esau war zu diesem Zeitpunkt auf der Jagd. Rebekka nutzt den günstigen Moment, hüllt Jakob in Esaus Gewänder und Jakobs Hände in die Ziegenfälle seines Bruders. So lässt sie ihn an den blinden Isaak herantreten, damit dieser ihm den Segen gibt.
In diesem Szenario sagt Isaak den berühmten Satz:
„Die Stimme ist Jakobs Stimme, aber die Hände sind Esaus Hände.“ (Gen. 27, 22)
Wusste Isaak wirklich nicht, was da geschah? Vielleicht ist der Satz tiefer zu verstehen. Die Stimme war Jakobs, aber das Verhalten Jakobs glich dem von Esau – „aber die Hände sind Esaus Hände“.
Esau stand für den grobschlächtigen behaarten Jäger. Auch wenn die Tora Jakob als das Gegenteil von Esau beschreibt – vergeistigt, immer im Zelt sitzend – könnte Isaaks Satz ausdrücken, dass etwas von Esau auch in Jakob lebt. In diesem Szenario der totalen Konkurrenz zwischen den beiden Brüdern tritt es zutage.
Der blinde Isaak sieht dabei ganz genau, was vor sich geht – er ist ein Seher, ganz wie in einem antiken Drama.

Was zu sehen ist, geht weit über diese Szene hinaus und hat seinen Ausgang auch viel früher.
Es gibt in der Tora verschiedene Ausdrücke für die Beziehung zu Gott. Einer ist die „Angst Isaaks“ – Pachad Jizchak. Diesen Ausdruck wird Jahrzehnte später Isaaks Sohn, Jakob, erstmals verwenden, als er aus Paddan-Aram, dem Land in das er vor seinem Bruder Esau flüchtete, nunmehr nach Kanaan zurückkehren will. Gegenüber seinem Onkel Laban erklärt er sich:
„Wäre nicht der Gott meines Vaters mit mir gewesen, der Gott Abrahams und die Angst Isaaks, hättest du mich sicher mit leeren Händen weggeschickt.“ (Gen. 31, 42)
Die Bezeichnung „Angst Isaaks“ deutet darauf, dass Jakob die Angst seines Vaters auf eine tiefere Weise, als Zeichen von dessen Beziehung zu Gott, verstanden hatte. Damit verbunden ist nunmehr eine Selbsterkenntnis – warum sich Jakob immer wieder durch Lügen Vorteile erschlich. Dank der „Angst Isaaks“, die auch in Jakob wirkte, sollte er nicht mit leeren Händen davon ziehen.
Isaaks Angst gründete natürlich in seiner Erfahrung, dereinst beinahe von seinem mächtigen Vater Abraham geopfert worden zu sein. Was Isaak auf dem Berg Moria für alle Zeit traumatisierte, lebte als Pachad Jizchak, als eine tief wirkende Angst in ihm fort. Siemachte ihn zu einem Vater, der nicht in der Lage war, väterliche Autorität auszuüben – ein schwacher Vater, der kein Vorbild für seine Söhne werden konnte, sie in ihren Konflikten miteinander allein ließ und am Ende hilflos Teil eines Komplotts wurde, der Jakob und Esau zu zwei sich gegenseitig hassenden Brüdern machte.

Wir erkennen diese Vaterkrise sicherlich auch in zahllosen Geschichten in unserem eigenen Umfeld - wenn nicht sogar bei uns selbst. Nicht die übermächtige Autorität, sondern die Schwäche des Vaters, erklärt etwas von unseren eigenen Problemen mit unseren Geschwistern.
Vielleicht wäre Esau gar nicht der Macho geworden, als den ihn die Tora verurteilt, hätte er einen stärkeren Vater gehabt. Und vielleicht wäre Jakob auch nicht das hinterhältige Muttersöhnchen geworden, das sich seine Vorteile durch Lügen erschleicht.
Doch offensichtlich hat Jakob in seinem Exil in Paddan Aram – fast wie bei einer Psychoanalyse – erkannt, was zum größeren Horizont seiner dramatischen Lebensgeschichte gehörte. Die Pachad Jizchak – die Angst Isaaks.
Indem er sie ausspricht, emanzipiert er sich. Der Sohn erkennt die Angst des Vaters und damit die Vaterkrise, die am Anfang des Konflikts mit seinem Bruder stand. Endlich ist Jakob in der Lage damit umzugehen, seinem Schicksal eine Wendung zu geben und seinem Bruder neu zu begegnen.

Der Name des Tora-Abschnitts über das Verhältnis von Isaak zu seinen Söhnen Jakob und Esau heißt nicht zufällig „Toldot“ – Generationen. Er beginnt mit dem Satz: „Das sind die Generationen Isaaks, Toldot Jizchak, des Sohnes Abrahams.“ (Gen. 25,19)
Der Prophet Maleachi hat die Vision, nach der das messianische Zeitalter vor allem eine Aussöhnung zwischen den Generationen bedeutet:
„Und er wird zurückführen das Herz der Väter zu den Kindern, und das Herz der Kinder zu ihren Vätern, dass ich nicht komme und schlage die Erde mit Bann.“ (3,24)
Der Prophet Amos spricht an einer Stelle von den verödeten „heiligen Höhen Isaaks“ den Bamot Jizchak (Amos 7,9 + 16).
Vielleicht sind das die Orte, an denen die Kinder den Eltern verzeihen können – vielleicht sind das die Orte den wir in uns freilegen müssen.


Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Radio Berlin-Brandenburg, dort gesendet am 2.12.2016

09.12.2016 Artikelarchiv >>
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