hauptmotiv

KI TEZE

"Auf dass dir's wohlergehe"

Warum die Erfüllung der Gebote mit der Verheißung eines langen Lebens verbunden ist

Auslegung von Rabbiner Almekias-Siegl

Der Abschnitt Ki Teze ist voller Mizwot. Er enthält ganze 74 von insgesamt 613 Geboten, die wir in 54 Abschnitten der Tora finden. Im Folgenden wollen wir uns einer Mizwa zuwenden, die im 5. Buch Mose 22, 6–7 geschrieben steht: »Wenn du unterwegs ein Vogelnest findest auf einem Baum oder auf der Erde mit Jungen oder mit Eiern, und die Mutter sitzt auf den Jungen oder auf den Eiern, so sollst du nicht die Mutter mit den Jungen nehmen, sondern du darfst die Jungen nehmen, aber die Mutter sollst du fliegen lassen, auf dass dir’s wohlergehe und du lange lebst.«

Über das lange Leben spricht die Tora auch in den Zehn Geboten. Zum einen im 2. Buch Mose 20,12: »Ehre deinen Vater und deine Mutter, auf dass du lange lebst auf dem Boden, den der Ewige, dein Gott dir geben wird.« Zum anderen im 5. Buch Mose 5,16: »Ehre Vater und Mutter, wie es der Ewige, dein Gott, dir befohlen hat, auf dass du lange lebst und es dir wohlergehe auf dem Boden, den der Ewige, dein Gott, dir geben wird.« Unsere Weisen betonen, dass sich die Rede vom »langen Leben« und dem »Guten« nur im Zusammenhang mit dem Elterngebot und der Aufforderung, »die Vogelmutter fliegen zu lassen«, findet.

Pädagogik

Nachmanides, der Ramban (1194–1270), sagt zu diesem Gebot, dass es der Mizwa vom 3. Buch Mose 22,28 entspricht: »Ein Rind oder ein Schaf dürft ihr nicht zusammen mit seinem Jungen an einem Tag schlachten.« Beide Gebote verfolgen eine pädagogische Absicht: Der Mensch soll nicht brutal handeln.

Diese Mizwa zielt auf die Verbesserung der inneren Welt (Tikkun ha’olam hapnimi). Hier steht nicht im Mittelpunkt, Erbarmen mit dem Geschöpf zu wecken, sondern das brutale Handeln des Menschen zu minimieren, ihn zum Gutsein zu erziehen. Des Weiteren führt Ramban aus: Wir haben kein Recht, die Welt Gottes, Sein Universum, zu verletzen. Seine Geschöpfe dürfen einander nicht ängstigen. Hier geht es darum, das Leiden des Vogels samt seines Jungen zu vermeiden. Das nennen wir Tikkun olam chizoni, die Verbesserung der äußeren Welt.

Wenden wir uns der Frage zu, ob es Sinn der Mizwot ist, die Innen- und Außenwelt der Menschen zu verbessern. Schauen wir uns zum Beispiel das 3. Buch Mose 23,22 an: »Wenn ihr in eurem Land Ernte haltet, so sollst du die Ecken deines Feldes nicht völlig abernten, noch bei deiner Ernte Nachlese halten, dem Armen und dem Fremden sollst du sie überlassen« (Leket). Sind die sozialen Mizwot gegeben, um den Bauern, der dieses Feld besitzt, zum Guten zu erziehen, oder um den Armen eine Möglichkeit zu bieten, sich mit dem Übriggebliebenen zu versorgen?

Maimonides, der Rambam (1138–1204), erklärt in seinem Buch Führer der Verirrten die Gebote vom Fliegenlassen der Vogelmutter und vom Schlachten des Rindes und des Schafes. Er erkennt hier eine an den Menschen ergehende Warnung, dass auch Tiere Schmerzen empfinden und Gefühle haben. So wie der Mensch denkt und fühlt, so denkt und fühlt das Tier in seiner Welt. Die genannten Verbote nehmen den Schmerz des Tieres ernst. Sie lassen sich nicht von der Eigenschaft der Barmherzigkeit Gottes ableiten, betont der Rambam. Die Gebote entsprechen Seinem Willen, aber sie sind für uns in ihrer Sinnhaftigkeit nicht zu ergründen.

Demgegenüber ist der Ramban der Meinung, alle Gebote hätten für uns einen nachvollziehbaren Sinn.

Geheimnis

Warum ist die Erfüllung der genannten Mizwot mit der Verheißung eines langen Lebens verbunden? In ihnen ist das Geheimnis der Existenz der Welt, der Menschheit verborgen. Ein Mensch, der dieser Welt hilft zu existieren, verdient sich ein langes Leben in ihr. Wenn also ein Mensch, wie in unserem Fall, darauf verzichtet, mit dem Gelege auch den Muttervogel zu nehmen, dann bleibt die Kontinuität des Lebens gewahrt, es kann sich regenerieren und weiterentwickeln. Dementsprechend verhält es sich mit dem Elterngebot. Wenn ein Mensch seine Eltern ehrt, indem er zum Beispiel den Kontakt zu ihnen pflegt, erzieht er durch sein Vorbild zugleich seine Kinder. Sie werden in seine Fußstapfen treten und sich gleichermaßen gegenüber ihrer vorhergehenden, älteren Generation verhalten. Wir zeigen, dass wir mit den Eltern fühlen, wir ebnen den Weg für den Respekt zwischen den Generationen. So entwickelt und stabilisiert das Befolgen des Elterngebots die Welt, indem es dazu auffordert, dass sich die Generationen miteinander verbinden und sich dadurch gegenseitig ein langes Leben schenken.

Märtyrer

Im Talmudtraktat Chagiga wird von zwei großen Toragelehrten erzählt, von Rabbi Elischa ben Abuja – genannt Acher, der Andere – und seinem Freund Rabbi Akiwa, der durch die Römer große Leiden und Qualen erlitt und schließlich für den Namen Gottes als Märtyrer starb. Diese Begebenheit erklärt uns, warum Rabbi Elischa ben Abuja »der Andere« genannt wurde.

Rabbi Elischa saß am See Genezareth und sah, wie ein Vater seinen Sohn aufforderte, auf einen Dattelbaum zu steigen, um ihm ein Gelege herabzuholen, den Muttervogel aber fliegen zu lassen. Der Sohn folgte dem Auftrag des Vaters. Er kletterte auf den Baum, ließ die Mutter fliegen und nahm die Eier an sich. Beim Hinunterklettern stürzte er jedoch vom Baum und starb.
Als Rabbi Elischa ben Abuja das sah, bebte seine Seele. Er fragte mit leiderfülltem Herzen: Dieser Junge hat doch aber die beiden Mizwot erfüllt! Er hat die Vogelmutter freigelassen und den Vater mit seinem Gehorsam geehrt. Aber am Ende starb er. Was ist aus dem »langen Leben« und »dem Guten« geworden, das die Erfüllung der Gebote verspricht? Der Ausgang dieser Geschichte enttäuschte Rabbi Elischa so tief und erschütterte sein Gottvertrauen dermaßen, dass er seinen Glauben verlor. Darin bestand sein Fehler.

Im Gegensatz zu ihm bewahrte sein Freund Rabbi Akiwa seinen Glauben trotz der großen Qualen bis in den Tod. Seine Leiden verstärkten sein Gottvertrauen sogar noch. Er blieb mit Freuden Gott treu und führt uns den Unterschied der beiden großen Toragelehrten eindrücklich vor Augen.


Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Jüdischen Allgemeinen, dort erschienen am 27.8.2015.


23.09.2016 Artikelarchiv >>
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