hauptmotiv

WAJEZE

Über Grenzen hinauswachsen

Auslegung von Rabbiner Henry G. Brandt s''l

Die Lehre, die sich meines Erachtens aus dem Torah-Wochenabschnitt dieses Schabbats ergibt, ist hoffnungsversprechend, ermunternd und verheißend, ganz besonders für die Jüngeren unter uns. Gerade unter der heutigen Jugend scheint sich ein Gefühl der Hilflosigkeit und der Bedeutungslosigkeit des Einzelnen breit zu machen. In jeder Richtung vermeint man gegen unbezwingbare Grenzen anzurennen, die man schon auf Grund der persönlichen Mängel und Unzulänglichkeiten, welche man in sich selbst zu erkennen meint, als endgültig ansieht. Was wir diese Woche aus der Torah lesen und lernen, ermutigt, solch einer pessimistischen Anschauung entgegenzutreten und sie zumindest in Zweifel zu ziehen. Am Beispiel des hier vorgestellten Textes aus der Geschichte unseres Vorvaters Jakob bejaht die Bibel das Potenzial des Menschen zu wachsen und zu reifen, sich über die vermeintlichen Grenzen seines Charakters und seiner praktischen Möglichkeiten hinaus entwickeln und Umwelt und Ereignisse in ungeahntem Maß beeinflussen zu können.

Der hier besprochene Wochenabschnit Wajeze könnte mit dem Titel "Das Heranreifen Jakobs" überschrieben werden. Wir greifen die Geschichte des Werdegangs des Patriarchen auf, da er als junger Mann sein Elternhaus verlässt - besser gesagt, verlassen muss - und nun einsam in die Fremde zieht. Was uns die Bibel von seinem bisherigen Verhalten berichtet, berechtigt uns, Jakob zu diesem Zeitpunkt seines Lebens mit einigen Vorbehalten zu betrachen. Er erscheint uns als ein etwas blasser und unsicherer Charatker, der sich offenbar unter dem Einfluss seiner selbstbewussten Mutter Riwka nicht gerade durch Großzügigkeit und Aufrichtigkeit auszeichnet. Durch Opportunismus und List hatte er sich das Estgeborenenrecht und den Segen seines Vaters erschlichen und somit seinen Bruder Esau um das, was ihm eigentlich zustand, betrogen. Seine Handlungsweise erwies sich, auf kurze Sicht, als verheerend und tragisch für die ganze Familie. Sein zornentbrannter Bruder schwor ihm den Tod, er selbst musste das Elternhaus velassen und sah deshalb seine Mutter, die ihn ja so heiß liebte, niemals wieder.

Im weiteren Verlauf der Geschichte begleiten wir Jakob auf seiner Reise in fremde Gefilde. Er erfährt am eigenen Leib Betrug und Ausbeutung, aber auch Liebe und Geliebtwerden. Durch harte und ehrbare Arbeit gewinnt er Reichtum und Ansehen. Zugleich wird er Haupt einer großen Familie. Viele Jahre umspannt die Erzählung unseres Abschnitts. Dort, wo wir ihn abschließen, finden wir Jakob als gereiften, verantwortungsbewussten Mensch, bereit sich der schwersten und ausschlaggebenden Prüfung seines Lebens zu unterziehen. Alleine und nur auf sich selbst gestellt, im Wissen, dass sein Bruder Esau mit 400 bewaffneten Männern gegen ihn zieht, ringt er des Nachts mit Gott und sich selbst und wird zu Jisrael -dem Gotteskämpfer.

Die Jahre nach seinem Auszug aus der Heimat haben ihn zu dem heranreifen lassen, was er endlich wurde. Die Verwandlung des Jakobs in Israel geschah nicht auf wunderbare Weise über Nacht. Nein, er ist in seine erhabene Statur hineingewachsen, indem er sich selbst zu meistern wusste und seinen Platz und seine Aufgabe im Leben sowie den Wert anderer Menschen erkannte. Darin ist er beispielgebend. Denn die Möglichkeit zu reifen, zu größeren Höhen zu wachsen, ist jedem Menschen gegeben, der nicht resigniert, sich selbst verrät oder aufgibt. Es ist uns nicht aufgegeben, in Vollkommenheit unseren Lebensweg zu beginnen. Wie Tagore einmal sagte: "Der Mensch ist ein geborenes Kind, seine höchste Gabe ist die Gabe des Wachsens." 

Selbst am Ende ist Vollkommenheit nicht verlangt. Das Bestmögliche zu tun und zu versuchen ist bereits Erfolg. Die folgende Erzählung aus dem alten Schatz der jüdischen Legenden soll dies untermauern:

Einmal war das Land mit schwerer Dürre geschlagen. Rabbi Abahu hatte einen Traum, in dem ihm vom Himmel offenbart wurde, ein Mann namens Pentakaka könnte am erfolgversprechendsten um Regen beten. Als Rabbi Abahu erwachte, wunderte er sich sehr über diesen Traum, war doch Pentakaka - also der Mann mit den fünf Lastern - ein ganz verrufener Kerl. Trotzdem rief er ihn zu sich. Als er zu ihm kam, fragte ihn der fürstliche Rabbi nach seinem Tun: "Ich widme mich fünf Lastern", antwortete ihm Pentakaka, "ich besorge Frauen zu unmoralischen Zwecken, ich schmücke die Häuser, in denen sie ihrer Beschäftigung nachgehen, ich diene ihnen, tanze für sie, und spiele vor ihnen auf meiner Flöte." Der Rabbi war nun vollends verwirrt und traute seinen Ohren nicht. Er begann, an seinem Traum zu zweifeln. Nachdenklich fragte er den vor ihm stehenden Pentakaka: "Hast du jemals etwas Gutes getan?"

Da erzählte Pentakaka ihm Folgendes: "Einmal, als ich gerade dabei war das Haus, in dem ich arbeitete, abzuschließen, sah ich in der Ecke eine Frau stehen, die bitterlich weinte. Ich fragte sie, warum sie weine. 'Mein Mann ist im Schuldnergefängnis', antwortete sie, 'und ich habe keine Geld, ihn auszulösen. Deshalb habe ich mich entschlossen, mich zu verkaufen, um ihn zu befreien.' Als ich dies hörte," sprach Pentakaka, "verkaufte ich mein Bett und meine Laken und gab den Erlös dieser Frau,und ich sagte zu ihr: 'Geh und befreie deinen Mann, aber verkaufe dich niht an Femde.'"

Und Rabbi Abahu beugte sein Haupt vor Petakaka.

Aus: Henry G. Brandt, "Süßer als Honig", JVB, Berlin 2007

01.12.2023 Artikelarchiv >>
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