hauptmotiv

PINCHAS

Wenn Werte ausgehöhlt werden

Auslegung von Rabbiner Brandt

Das, nach dem sich fast jeder Mensch sehnt und für das sich immer schon ein Großteil der Menschheit eingesetzt und gekämpft hat, wurde dem jungen Priester Pinchas, Sohn des Eleasars, als Gottesgabe zuteil: Der Segen des Friedens! Aber was hatte Pinchas denn eigentlich getan, um so ein erhabenes Gut wie den Segen des Friedens zugesprochen zu bekommen?

Pinchas hatte sich seinen Friedenssegen und das göttliche Lob durch das Töten – manche würden sagen: durch den Mord – zweier Menschen verdient.

Natürlich geschah das in einem ganz bestimmten Zusammenhang. Ohne diesen zu kennen, ist es unmöglich wie auch unschicklich, das Handeln des Pinchas zu beurteilen. Die 40-jährige Wüstenwanderung neigte sich ihrem Ende zu und der zahlreiche und mächtige Volkshaufen der Israeliten näherte sich von Osten her den Grenzen Kanaans. König Balak von Moab erkannte, dass er den Kindern Israel nicht erfolgversprechend mit Gewalt begegnen könne.

Bileam empfahl Balak, die Wüstenwanderer zu den opulenten Festen und Gelagen zu Ehren des Gottes Baal–Peors einzuladen. Sollten sich dabei die hübschen Mädchen Moabs als zugänglich und willig erweisen, dann würden sich die Dinge schon von selbst ordnen.

Von den Kindern Israel gingen viele Tausende in die Falle. In kürzester Zeit drohte das gesamte gesellschaftliche und moralische Gefüge der israelitischen Lebensweise zusammenzubrechen.

Im Einzelfall ergab sich schließlich die entscheidende Herausforderung. Direkt unter den Augen der Führer des Volkes setzte sich ein wohlbekannter Israelit provokativ und schamlos über das herrschende moralische Gesetz hinweg. In aller Öffentlichkeit begab er sich mit einer Midianiterin in ein nahes Zelt, mit einer Absicht, die eindeutig und unverkennbar war. Dies war zuviel für Pinchas, Sohn des Eleasars und Enkel Arons. Er stand auf, ergriff einen Speer, ging dem Israeliten in den Frauenraum nach und durchbohrte beide, den Israeliten und die Frau, auf ihrem Lager.

Immer wieder werden grundlegende Werte und tragende Gesetze der Gesellschaft entweder gnadenlos oder böswillig ausgehöhlt, geschwächt und zerstört, und oft bestehen die Reaktionen aus nichts mehr als aus Klagen, Tränen, Nichtstun, gekoppelt mit einem hoffnungsvollen Glauben, irgendwer wird irgendwann schon die Dinge ins Lot rücken.

Wo liegt nun die Grenze, die  vorgibt, welche aktiven, effektiven Mittel eingesetzt werden dürfen, um die bedrohte Gesellschaft zu retten? Wann ist die Anwendung von Gewalt legitim und notwendiger Schutz des gesellschaftlichen Friedens, und wann Unterdrückung und Tyrannei? Eine einfache, allgemeingültige Antwort auf diese schicksalsschweren Fragen gibt es nicht. Die Geschichte Pinchas weist nur darauf hin, dass es fast keine Möglichkeit des Handelns gibt, die aus dem Kreis der Erwägungen ausgeschlossen werden darf: auch nicht der Griff zur Waffe.

Wieviel besser nur, wenn anstelle des Schwertes das Wort und der Gedanke als Waffen eingesetzt werden können.

Schabat Schalom.

05.08.2016 Artikelarchiv >>
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