hauptmotiv

Pessach

Am Morgen nach dem Schabbat

Pessach am Schabbat

Auslegung von Rabbinerin Elisa Klapheck

Heute Abend beginnt ein besonderer Schabbat – heute Abend feiern Juden weltweit Pessach, das Fest der Befreiung, das in diesem Jahr auf einen Schabbat fällt.

Das ist besonders und auch nicht besonders. Eigentlich feiert man mit Pessach immer auch den Schabbat. Denn Pessach gilt als Schabbat – auch dann, wenn es auf einen Montag, Dienstag oder Mittwoch fällt. Im dritten Buch Mose, Kapitel 23, Vers 15 steht bei den Pessach-Vorschriften:
„Vom Tag nach dem Schabbat … sollt ihr sieben volle Wochen zählen.“
Pessach wird hier als „Schabbat“ bezeichnet. In der Antike meinten deshalb bestimmte Gruppen, dass Pessach in jedem Fall auf einen Samstag, einen Schabbat, fallen muss. Dem entsprechend feierten zum Beispiel die Sadduzäer Pessach nur am siebten Tag der Woche. Die Pharisäer und Rabbinen hingegen waren der Ansicht, dass Pessach auf jeden Tag der Woche fallen kann. Das entfachte einen erbitterten Kalenderstreit. Die einen feierten Pessach an einem Samstag, die anderen an allen Tagen der Woche. Je nachdem, wie man feierte, zählte man auch die anschließenden 49 Tage – bis zum Wochenfest, dem Schawuot.

Der Streit hinterlässt seine Spuren bis heute. Für Christen ist an die Stelle des Pessachfestes Ostern getreten. Ostern muss an einem Sonntag stattfinden – wie bei den Sadduzäern Pessach an einem Samstag. Ab dem Sonntag an werden im Christentum die 49 Tage gezählt – so dass auch Pfingsten immer auf einen Sonntag und Montag fällt.
Für Juden kann jedoch der Tag, auf den Pessach fällt und die Befreiung geschieht, ein Wochentag sein. Das heißt, jeder Tag kann der Schabbat des Pessach sein – beziehungsweise jeder Tag ist potentiell Schabbat. Die Rabbinen im Talmud waren darin erstaunlich wenig dogmatisch. Wenn zum Beispiel ein Gestrandeter auf einer einsamen Insel, ähnlich wie Robinson Crusoe, nicht wisse, welcher Tag ist, empfahlen sie ihm einfach anzufangen zu zählen. Am siebten Tag soll er dann Schabbat feiern.

Wir sind geneigt, den Schabbat als einen ganz anderen Tag, als einen heiligen Tag anzusehen, der nichts mit den Werktagen zu tun hat. Aber eigentlich wird uns mit der Möglichkeit, dass in jedem Wochentag auch ein Schabbat steckt, das Umgekehrte bedeutet. Jeder Tag enthält das Befreiungspotential von Pessach, was aber durch den Alltag verdeckt wird. Nur am siebenten Tag, an dem die Werktätigkeit entfällt, kann das Potential des Schabbat seine Wirkung frei entfalten.

Die Tora nennt zwei Begründungen für das Schabbat-Gebot. Einmal hat Gott in sechs Tagen die Welt erschaffen und am siebenten Tag geruht. Es geht also um das Schöpfungswerk, das am Schabbat innehalten soll – um die Nichttätigkeit sowohl von Gott als auch den Menschen.

Der andere Grund:
„-  damit dein Knecht und deine Magd gleich dir sich ausruhen. Denke daran, dass du ein Knecht im Lande Ägypten gewesen bist, und wie dich der Ewige, dein Gott, mit starker Hand und ausgestrecktem Arm von dort herausgeführt hat, darum befiehlt dir der Ewige, dein Gott, den Schabbat zu halten.“
Hier geht es nicht um Untätigkeit - sondern um eine Dynamik. Gott hat an Pessach gerade nicht geruht – sondern die Unterdrückten befreit. Es geht hier um ein aktives Befreiungswerk.

Der Schabbat, wie ihn uns die Tora gebietet, enthält somit eine Paradoxie – ruhen und zugleich aufbrechen. Beides hängt zusammen. Und gerade heute Abend feiern wir beides.

Schabbat Schalom
und Chag sameach!


29.04.2016 Artikelarchiv >>
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