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TASRIA

Auch die Mutter ist fast wie neu geboren

Auslegung von Rabbiner Rothschild

Wie kommt ein Kind auf die Welt? Es ist noch immer ein Rätsel, wie aus zwei Tröpfchen Flüssigkeit ein neues Leben entsteht. Egal, wieviel mehr Wissenschaftler heutzutage über DNA und genetische Komplikationen wissen als früher; selbst wenn wir mit Ultraschall oder anderen  Methoden und Geräten tief in den Mutterleib schauen, dabei auch Geräusche des Fötus hören können.
Irgendwann gibt es ein 'Etwas', und aus einigen Zellen entsteht ein pulsierendes Herz, und nur einige Wochen später kommt ein neuer Mensch durch den Geburtskanal hinaus, erblickt zum ersten Mal das Licht draußen und atmet die Luft hier ein.

Dass alles nicht so einfach ist, wissen wir, weil so oft etwas schief geht. Es kann sein, dass trotz aller Wünsche eine Eizelle nicht befruchtet wird, es kann sein, dass ein Fötus entsteht, der nicht lebensfähig ist und aus dem Körper ausscheiden muss; es kann sein, dass ein Fötus sich bewegt und trotzdem tot geboren wird; es kann sein, dass der neue Mensch in die Welt kommt, aber mit  nur einer Lunge oder mit anderen Problemen, die ihm nur ein kurzes Leben erlauben; oder er kommt irgendwie 'behindert' heraus, er lebt zwar, aber es fehlt ein Organ, ein Glied, ein Teil des Gehirns, ein... ein Etwas. Oder es dauert alles zu lang bei der Geburt und es fehlt Sauerstoff im letzten Moment. Heute haben wir Kreißsäle und Maschinen und Technik und sehr professionelle Hebammen und Ärzte, und sogar künstliche Befruchtungsmethoden, trotzdem ist es immer ein Wunder, wenn alles richtig läuft.

Es kann sein, dass Sie, die Sie heute zuhören, selbst die  Erfahrung machen mussten, dass es schief gehen kann und zwar ohne dass wir verstehen, Warum, Wieso, und Was wir anders machen können, damit es nächstes Mal besser klappt. Eine Garantie gibt es nicht.

"Seid fruchtbar und vermehrt euch", sagt Gott zum Menschen im Ersten Buch Mose 1:28, aber so einfach ist es nicht - und schmerzhaft und gefährlich für die Mutter kann es auch sein und war es immer. In der Bibel lesen wir mehrmals von Frauen, die Schwierigkeiten hatten, schwanger zu werden - Sarah, Rivkah, Rachel, Hannah, die namenlose Frau von Shunem - oder sie starben bei der Geburt, wie Rachel.

Im Wochenabschnitt für diesen Schabbat steht im Dritten Buch Mose, Kapitel 12, Vers 6 bis 8, dass eine neue Mutter, wenn sie wieder gesund ist, ein Lamm als Ganzopfer und eine Taube als Sündopfer zum Stiftszelt bringen soll, und der Priester - hier der Geistliche, der mehrere Funktionen übernimmt, die wir heute getrennt haben - soll für sie Sühne wirken.

Interessant ist erstens, dass die Frau und nicht ihr Mann das Opfer bringt - ein Beispiel für religiöse Pflichten und Rechten für damalige Frauen. Und zweitens, dass sie neben dem Dankopfer, das wir gut verstehen können – Dankbarkeit dafür, dass sie selber überlebt hat und dass sie ein gesundes Kind geboren hat - auch ein Sündopfer bringen soll. Worin liegt hier eine Sünde? Hat sie nicht gerade ein göttliches Gebot  erfüllt, eine Mitzwa? Ein Kommentar meint, vielleicht habe sie während der  Geburtswehen "Nie wieder!" geschrieen - und solch ein Gelübde müsse sie jetzt 'zurücknehmen'.

Und wieder lesen wir von einem Kompromiss - wenn sie sich kein Lamm leisten könne,  genüge eine Taube. Wichtig ist nicht, was sie bringt, sondern dass sie etwas bringt. Ein Leben für ein neues Leben vielleicht.

Es gibt ein Baby, ein neues Leben. Aber das Leben der Mutter ist auch wie neu; nach allen Gefahren ist auch sie fast wie neu geboren. "WeChiper aleha haKohen, weTaherah": "Und der Priester erwirke ihr Sühne, und sie ist rein." Und jetzt geht das Leben weiter - das Leben von beiden, Mutter und Kind.

Schalom!


Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Norddeutschen Rundfunks, dort gesendet am 16.4.2010.

14.04.2016 Artikelarchiv >>
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