hauptmotiv

MISCHPATIM

Gesetze für schwarze (und weiße) Schafe

Auslegung von Rabbiner Navon

Ein Schäfer weidete seine Schafe, als ihn ein Spaziergänger ansprach. „Sie haben aber eine schöne Schafherde. Darf ich Sie etwas in Bezug auf die Schafe fragen?“ – „Natürlich“, sagte der Schäfer. Der Mann fragte: „Wie weit laufen die Schafe ungefähr am Tag?“ – „Welche, die weißen oder die schwarzen?“ – „Die weißen.“ – „Die weißen laufen ungefähr vier Meilen täglich.“ – „Und die schwarzen?“ – „Die schwarzen genauso viel.“
„Und wie viel Gras fressen sie täglich?“ – „Welche, die weißen oder die schwarzen?“ – „Die weißen.“ – „Die weißen fressen ungefähr vier Pfund Gras täglich.“ – „Und die schwarzen?“ – „Die schwarzen auch.“ – „Und wie viel Wolle geben sie ungefähr jedes Jahr?“ – „Welche, die weißen oder die schwarzen?“ – „Die weißen.“ – „Nun ja, ich würde sagen, die weißen geben jedes Jahr ungefähr sechs Pfund Wolle zur Schurzeit.“ – „Und die schwarzen?“ – „Die schwarzen genauso viel.“
Der Spaziergänger war erstaunt. „Darf ich fragen, warum Sie die eigenartige Gewohnheit haben, Ihre Schafe bei jeder Frage in schwarze und weiße aufzuteilen?“ „Das ist doch ganz natürlich“, erwiderte der Schäfer, „die weißen gehören mir, müssen Sie wissen.“ – „Ach so! Und die schwarzen?“ – „Die schwarzen auch“, sagte der Schäfer.
Der menschliche Verstand schafft törichte Kategorien, wo Liebe nur eine sieht.“  (Anthony de Mello)

In unserem Wochenabschnitt „Mischpatim“ (die Gesetze) lesen wir von „schwarzen Schafen“, die vom menschlichen Auge erschaffen werden:
„Fremdlinge“ (heute sagen wir: „Zuwanderer“)..., „Witwe“..., „Waise“..., „arme Mitbürger“..., wir können noch endlos weiter verschiedene „Objekte“ aufzählen, die uns durch die menschliche Brille als nützlich erscheinen, aber die Augen Gottes sehen uns auf ganz andere Art und Weise. Gott sieht in jedem von uns sein Abbild, sich selbst, seine zerbrechliche Widerspiegelung in uns mit Mitleid. Er sieht uns in seinem Licht - durch unfassbare Liebe des geistlichen Mutterleibs - Schechina.
Lesen Sie bitte die Thora noch mal und entdecken Sie den außerordentlichen Hintergrund der jüdischen Gesetze, der Halacha. Die Halacha bedeutet „das Gehen“ bewusst in Gottes Licht:
„Einen Fremdling sollst du nicht ausnutzen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen. Ihr sollt keine Witwe oder Waise ausnutzen. Wenn du sie ausnutzt und sie zu mir schreit, werde ich auf ihren Klageschrei hören. Mein Zorn wird entbrennen, und ich werde euch mit dem Schwert umbringen, sodass eure Frauen zu Witwen und eure Söhne (und Töchter) zu Waisen werden…  Nimmst du von einem Mitbürger den Mantel zum Pfand, dann sollst du ihn bis Sonnenuntergang zurückgeben; denn es ist seine einzige Decke, der Mantel, mit dem er seinen bloßen Leib bedeckt. Worin soll er sonst schlafen? Wenn er zu mir schreit, höre ich es, denn ich habe Mitleid!“ (Schemot 22, 20-23, 25-26)
Die Thora sagt uns, bitte, vergesst es nie, was haben wir als „Kinder Israels“ in Ägypten erfahren? Im Haus der Sklaven? Was haben wir als „Juden“, als „Feinde des dritten Reiches“ erfahren? Was haben wir als „Juden“, als „Feinde des sowjetischen Volkes“ im kalten stalinistischen Paradies erfahren? Vergiss nie, wie ausgebeutete Menschen in Stille schreien, und wie Gottes Stimme der tiefen Stille über diese Menschen weint, vergiss das nie, wenn Du stark und frei genug bist, um die Schwäche der anderen auszunutzen. Hören Sie: „denn ich habe Mitleid!“? Nur Gott hat Mitleid. Mitleid ist Gottes Widerspiegelung in uns. Wenn ich in mir die Stille des Mitleids übertöne, dann hört Gott die Klageschreie meines unterdrückten Mitmenschen. 
Wenn ein Mensch seinen Mitmenschen ausnutzt, zeigt er der Öffentlichkeit ein klares Zeichen, dass er in sich selbst vorher Gottes Abbild zerbrochen hat. Wenn wir heutige grausame religiöse Kriege und Terror mit Entsetzen erfahren, sowie Unruhe in noch friedlichen Ländern wegen der „Fremden“, wissen wir, dass das Zerbrechen des Abbild Gottes auf der Ebene der Völker schon lange geschehen ist!
Ja – sagt ein Mensch – wir haben schon vor 3.000 Jahren gehört: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, weil ich euch liebe!“ und dennoch gab es seither unendlich viele Kriege. Aber was sagt Gott in unserem Thoraabschnitt den Ausnutzern der Witwen und Waisen? - „Mein Zorn wird entbrennen, und ich werde euch mit dem Schwert umbringen, sodass eure Frauen zu Witwen und eure Söhne (und Töchter) zu Waisen werden“. - Ist das der Weg der Liebe, um die menschliche Welt zu verbessern?  Führt Gott auch Kriege mit brennendem Zorn und blutigem Schwert? – Nein, Gott hat keine Waffen. Der menschliche Verstand schafft törichte Kategorien und schreckliche Waffen für sich selbst. Der menschliche Verstand schreibt der Schechina Zorn und Schwert zu. Der menschliche Verstand sät die grausamen Kriege „um Gottes Willen“, die so schreckliche Frucht bringen: die Witwen und  Waisen der grausamen Täter schreien in Stille ebenso wie die Witwen und Waisen der unschuldigen Menschen. Gott gibt uns andererseits in jeder Lage die Möglichkeit, unsere Mitmenschen in seinem Licht zu sehen, Er zieht in uns auf diese Art und Weise sein Mitleid groß, sodass Liebe nur eine Kategorie sieht.

12.02.2016 Artikelarchiv >>
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