hauptmotiv

NOACH

Wer ist für Katastrophen verantwortlich?

Auslegung von Rabbiner Rothschild

"Es war aber die Erde vor Gott verderbt und von Gewalttat erfüllt. Und Gott sah die Erde und siehe, sie war verderbt. Da sprach Gott zu Noach: 'Das Ende aller Wesen ist von mir beschlossen'." (Genesis 6:11-12.)

Was einen Anfang hat, muss auch irgendwann ein Ende haben. Das ist eine einfache Regel. Alles hat zeitliche Grenzen. Wo sie genau sind, werden wir nicht immer wissen, aber dass ein Wesen zeitlich begrenzt ist, ist klar. Die Frage ist nur, wann und wie?
Für uns ist die Geschichte der Sintflut in vieler Hinsicht problematisch. Gott der Schöpfer ist mit seiner Schöpfung unzufrieden. Früher hat er gesagt "alles ist gut", jetzt sagt er "alles ist schlecht". ALLES? Nun, fast alles. Er findet einen Mann mitsamt seiner Familie, den er retten möchte, und ein Brutpaar von fast jeder Spezie – mehrere Paare von anderen – damit die verschiedenen Tierarten irgendwie weiter existieren können.
Die Bibel sagt nichts darüber, wie diese Tiere, Vögel usw. gerettet werden sollen oder gesammelt oder gefüttert, ob sie irgendwie 'besser', sittlicher sind als alle anderen von ihrer Art. Tatsache ist, dass die meisten Menschen und Tiere sterben werden, nur einige wenige würden gerettet – und wir wissen nicht warum. Rabbinische Theorien und Auslegungen gibt es haufenweise im Midrasch, aber in dem Bibeltext selbst gibt es wenig, das uns helfen kann.

Also was ist schief gegangen? Wer ist dafür verantwortlich? Wie kann Gott sicher sein, dass es sich nicht wiederholen wird? Wie können WIR sicher sein, dass diese Zerstörung sich nicht über uns ablädt, sich
wiederholt? Was können WIR tun, um etwas Ähnliches zu verhindern? Hier öffnet sich die ganze Fragestellung und Debatte nach globaler Erwärmung, nach Umweltschutz und Recycling. Die Frage nach den leeren Stellen, wo sich früher Steinkohle oder Mineralöl über Millionen Jahre entwickelt haben, um innerhalb von wenigen Jahrzehnten verbrannt zu werden. Die Frage nach den Wüsten, die früher Wälder waren, nach Wellen, wo früher Eisschichten lagen... Von ausgestorbenen und
ausgerotteten Arten - und nicht zu reden von einem drohenden 'nuklearen Winter' oder einer künstlichen Pest.

Muss alles so melodramatisch sein? Nein. Das Ende jedes Menschen ist klar – nur eine Frage von höchstens einhundert Jahren. Viele Tiere leben eine viel kürzere Zeit. Insekten und andere höchstens ein Jahr oder eine Jahreszeit, vielleicht eine Woche oder sogar nur einen Tag. Einige Bäume können sehr viel länger durchhalten. Wenn wir es ihnen erlauben...

Wenn das Ende vor uns steht, wenn wir verstanden haben, was das Wort 'Sterblichkeit' bedeutet, dann sollten wir zumindest überlegen, wie wir diese begrenzte Zeit auf die beste Weise nutzen. Wir müssen nicht alles verderben oder, besser gesagt, weiter verderben. Wir müssen nicht alles zerstören, bevor wir selber Abschied von den Ruinen nehmen.
Am Ende der Sintflutgeschichte sagt Gott, Er wolle die Welt nicht noch einmal wegen solcher Bösartigkeit zerstören. Vielleicht muss Gott das auch nicht tun. Vielleicht können wir das alles selber schaffen?!
Ich hoffe nicht...

Schabbat Schalom

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des RBB, dort gesendet am 4.10.2013.

30.10.2015 Artikelarchiv >>
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