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BERESCHIT

Keine perfekte Welt

Auslegung von Rabbiner Wolff

Immer wieder wird diese Frage gestellt: Warum, wenn Gott die Welt geschaffen hat, sowie wir das dieses Wochenende ganz am Anfang der Bibel, der Torah lesen, warum ist sie dann nicht perfekt. Bei menschlichen Schöpfungen, mit möglicher Ausnahme von einer Symphonie von Ludwig van Beethoven oder Wolfgang Amadeus Mozart, oder ein Bild von Rembrandt van Rijn oder Pablo Picasso, bei menschlichen Schöpfungen kann man doch immer meinen, dies hätte besser oder anders sein können. Aber wenn Gott uns Menschen geschaffen hat, sowie es in dem morgigen Abschnitt steht und ich zitiere jetzt – Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Warum sind wir dann nicht perfekt? Diese Frage stellen sich auch diejenigen unbekannten Autoren, denen wir unsere Bibel verdanken. Um sie zu beantworten, gaben sie uns die Geschichte vom Garten, der sich östlich von Eden befand – sowie es die Bibel ausdrückt. Die Torah, die Bibel spricht von keinem Paradies. Das Wort kennt die Torah nicht. Es ist eine spätere, christliche und keine jüdische Idee.
Und in diesem Garten, der auf keiner Stadt- oder Landkarte steht, und in keinem Atlas zu finden ist,  in diesem Garten hat der Mensch von einer verbotenen Frucht gegessen – und die Bibel sagt nicht, dass es ein Apfel war, sie spricht nur von einer Frucht-  es hätte schließlich auch eine Feige oder ein Granatapfel sein können.
Diese Geschichte vom Garten östlich von Eden mag ein Mythos sein, eines der größten und schönsten Mythen der Weltliteratur. Aber sie enthält eine fundamentale Lehre über den Zustand von Menschen auf Erden, von jedem von uns. Nämlich, dass wenn es sich darum handelt, was wir tun, ob wir früh aufstehen oder uns ausschlafen, ob wir Äpfel oder Trauben kaufen, ob wir die zwei Flügel von einem Huhn zum Mittag essen oder nur einen Teller Nudeln, all das entscheiden wir selbst, das ist unsere Wahl. So ist es heute, so war es im Garten östlich von Eden, so war es vom ersten Tag der menschlichen Geschichte.
Und zweitens, wenn wir diese Wahl machen, so wissen wir was gut ist und was schlecht. Das lehrt uns die Geschichte von Adam und Eva und der Frucht, in die sie gebissen haben. Das weiß auch jeder von uns vom Moment unseres ersten Bewusstseins. So wie es der israelische Schriftsteller Amos Oz mal sagte, wir kennen eben den Unterschied zwischen Goethe und Goebbels, zwischen Teheran und Tel Aviv, zwischen Stalin und König Salomon, und im menschlichen Umgang zwischen Lob und Beleidigung, zwischen Ehrlichkeit und Betrug.
Das bedeutet, dass wenn wir eine schlechte Gesellschaft um uns herum haben, dann ist diese wenigstens zum Teil unsere eigene Schuld und nicht Gottes Schuld, denn wir haben die Wahl wie wir uns verhalten und benehmen. Wir haben ein Mitbestimmungsrecht beim Gestalten unserer Gesellschaft.
Das gibt uns unseren Auftrag und unsere Mission hier auf Erden. Das verleiht uns auch unsere menschliche Würde und den Hauch des Göttlichen, der uns Menschen vom Tag der an begleitet. Schabbat Schalom.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des RBB, dort gesendet am 01.10.2010.

16.10.2015 Artikelarchiv >>
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