hauptmotiv

KI TEZE

Wo ist dein Bruder?

Auslegung von Rabbiner Wolff

Wie ein Leitfaden zieht sich ein Thema durch die Torah, durch alle fünf Bücher Mose, vom 4. Kapitel des ersten Buches bis zur morgigen Lesung aus dem 22. Kapitel des fünften und letzten Buches Mose.

Im vierten Kapitel des ersten Buches hat Kain seinen Zwilling Abel aus Eifersucht ermordet und Gott stellt ihn zur Rechenschaft: „Wo ist dein Bruder Abel?“, wollte er wissen. Worauf Kain kaltblütig erwidert: „Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?“

Die Torah gibt keine Antwort auf diese Frage, sie hält eine Antwort für über-flüssig. Denn jeder Mensch mit nur ein bißchen Gefühl für seine Mitmenschen weiß, dass die Antwort lautet: „Jawohl. Allerdings. Du hast eine Verantwortung für deinen Bruder und für all deine Mitmenschen. Ohne Ausnahme. Und in der morgigen Lesung steht es noch einmal klipp und klar: „Wenn Du deines Bruders Esel oder Rind unterwegs fallen siehst, so sollst Du dich ihrer erbarmen und ihnen aufhelfen.“ Auch wenn Du diesen so genannten Bruder kaum oder überhaupt nicht kennst. Denn er ist dein Mitmensch.

Wegschauen oder sagen „Das geht mich nichts an“ – diese Ausrede lässt die Torah nicht zu. Denn jeder von uns ist der Hüter seines Nachbarn, bekannt oder unbekannt, ohne Ausnahme. Somit ergänzt das Judentum bis zu diesem Tag die Sozialgesellschaft.

Ich habe an Nachbarn zwei besonders bewegende Erinnerungen, die mich immer wieder anrühren und immer wieder meinen Glauben an menschliche Güte stärken. Eine geht auf einen Vormittag vor nun mehr als 50 Jahren zurück. Es war Februar und ich lag alleine zu Hause mit einer Grippe. Plötzlich hörte ich eine Stimme, die von unten rief: „Willy, bist du oben?“ Es war unsere Nachbarin. Sie hatte gesehen, dass mein Wagen vor der Tür stand zu einer Stunde, zu der ich eigentlich bei der Arbeit sein musste. So hatte sie geahnt, dass ich krank war und brachte mir etwas zu essen. Das war vor mehr als 50 Jahren, und ich erinnere mich immer noch mit tiefer Dankbarkeit daran, als ob es gestern gewesen wäre. Und zweitens denke ich zurück an einen Anruf von einem neuen Nachbarn. Der Nachbar rief an, um mir zu sagen, dass eine Wasserleitung in meinem Häuschen gebrochen und die Decke daraufhin eingefallen war. Aber, sagte er mir, deine Bücher konnte ich noch retten. Die Decke konnte man ersetzen, und das geschah in den darauf folgenden Wochen. Aber Bücher, wenn sie von Wasser beschädigt sind, kann man in vielen Fällen nur wegwerfen. So habe ich dies meinem Nachbarn Jim niemals vergessen. Und mit seinem Sohn und seinen Enkelkindern habe ich heute noch Kontakt.

Keiner der Nachbarn brauchte sich um mich zu kümmern. Das war, nach heutigem Verständnis, nicht ihre Pflicht. Beide waren religiöse Menschen, religiöse Christen. Und sie kümmerten sich um mich und mein Eigentum besser als um Rind oder Esel, und somit brachten sie eine Wärme in mein Leben, die mich nie verlassen hat. Die Frage Kains: „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ hätten sie als überflüssig betrachtet. Denn für sie gab es nur eine Antwort: „Jawohl. Allerdings und zu jeder Stunde.“ Schabat Schalom.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des NDR, dort gesendet am 31.08.2012.

04.09.2015 Artikelarchiv >>
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