hauptmotiv

BAMIDBAR

Die dritte Herausforderung steht noch bevor

Auslegung von Rabbinerin Ederberg

Mit dem Wochenabschnitt Bamidbar beginnen wir die Lesung des vierten Buches der Tora. Das Volk Israel befindet sich am Berg Sinai in der Wüste. Zwei entscheidende Schritte seiner Geschichte liegen nun hinter ihm. Die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten und die Gabe der Tora am Berg Sinai. Ein dritter großer Schritt aber liegt noch vor dem Volk, die Wanderung ins Land Israel. Noch weiß keiner, dass diese Wanderung fast vierzig Jahre dauern wird, aber allen ist klar, dass die Wüste – und ihre Bewohner – gefährlich sind und man sich auf diese Reise gut vorbereiten muss.

Der gefährliche Charakter der bevorstehenden Reise wird gleich zu Anfang der Parascha deutlich, denn es werden nur die kampffähigen Männer gezählt und nach Stämmen und Anführern geordnet. Nur die Leviten bekommen eine besondere Rolle als Wächter des Heiligtums, das stets in der Mitte des Volkes wandern soll. Diese Zählung ist ein größerer Schritt in der Geschichte Israels, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Mosche teilt nicht nur seine Autorität mit anderen Anführern des Volkes, die ihm helfen, sondern das ganze Volk wird in die Pflicht genommen. Alle waffenfähigen Männer sind jeder für sich für das Gelingen der Reise verantwortlich.

In der Realität ging aber nicht alles so glatt, wie geplant. Das Buch Bamidbar ist eigentlich eine lange Folge des Versagens des Volkes, das seine eigenverantwortliche Rolle eben noch nicht ausfüllen kann. Die ins Land vorausgeschickten Spione bekommen Angst und erzählen von furchterregenden Riesen. Das Volk murrt, klagt und rebelliert fast in einem fort. Auch ein weiterer Punkt, der uns heute besonders auffällt, beschäftigte schon die Rabbinen: ‚Das ganze Volk‘ und ‚alle waffenfähigen Männer‘? Schon in der klassischen rabbinischen Literatur wird diese Beschränkung auf Männer kontrovers diskutiert. Masechet Sota wertet die Eroberung des Landes Israel als Angriffskrieg, zu dem nur die Männer verpflichtet sind. Bei einem Verteidigungskrieg aber kämpft tatsächlich das ganze Volk, sogar die frisch verheiratete Braut. Trotz allem führt aber die Wanderung ins gelobte Land, trotz allem – oder wahrscheinlich gerade wegen all dieser Prüfungen und Schwierigkeiten – wächst der aus Ägypten befreite Haufen von Sklaven langsam zu einem auch innerlich befreiten und handlungsfähigen Volk zusammen.

Ein großes Problem aber bringt dieser Abschnitt bis heute für viele jüdische Leser mit sich. Es gibt eine starke Tradition, dass Juden nicht gezählt werden sollen. So wird beispielsweise oft in Synagogen oder Kindergärten ein Weg gesucht, das direkte Zählen zu vermeiden. So kann man in der Synagoge statt Beter auch Gebetsbücher zählen oder im Kindergarten alle Namen einzeln aufzählen, wenn man feststellen muss, ob auch tatsächlich alle da sind. Diese Tradition geht zurück auf die häufig wiederholte biblische Verheißung, Gott werde das Volk zahlreich machen wie Sand der Erde oder Sterne des Himmels. Beim Propheten Hosea heißt es dann ausdrücklich, die Menge der Kinder Israels werde sein, ‚wie der Sand des Meeres, der nicht zu messen und nicht zu zählen ist‘. Nach rabbinischer Auslegung beinhaltet dies nicht nur das direkte Verbot, Juden zu zählen, sondern gilt auch im übertragenen Sinn: Israel ist von Gott mit unendlichen und unfassbaren Gaben beschenkt, so dass jede Zählung des Volkes das unendliche Potential dieser Gaben Gottes begrenzen würde.

Was der Einzelne heute mit diesen biblischen und rabbinischen Vorstellungen macht, liegt natürlich letztlich in der jeweils individuellen Verantwortung. Eine Botschaft aber ist doch sehr deutlich: Ob als Volk oder als Einzelner ist es unsere Aufgabe, Verantwortung für unsere Zukunft zu übernehmen. Wir sind alle für unsere Handlungen und Unterlassungen verantwortlich und wissen doch stets, dass wir die Fülle der Gaben, die Gott uns geschenkt hat, nur ganz andeutungsweise im Leben verwirklichen.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des NDR, dort gesendet am 27. Mai 2011.


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