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BALAK

Der Esel sieht mehr als der Prophet

Auslegung von Rabbiner Wolff

Die Thora erzählt uns in der morgigen Vorlesung wieder einmal eine spannende Geschichte. Die Schriftsteller, die die Thora verfasst haben, verstanden ihr Handwerk. Balak, ein örtliches Stammesoberhaupt, hatte einen Bericht bekommen, dass die Israeliten sich seinem Land näherten und er hatte Angst vor ihnen. Sie könnten ihn angreifen, meinte er und ihn aus seinem Land vertreiben. Das wollte er verhüten. Er traute sich aber nicht, sie in einer Schlacht zu bekämpfen, denn sie waren damals schon als begabte Feldherren bekannt. So schlug er einen anderen Weg ein. Er bestellte sich Bileam, einen damals namhaften Propheten und gab ihm den Auftrag, die Israeliten zu verfluchen. „Wen du segnest, der ist gesegnet“, sagte er schmeichelnd, „und wen du verfluchst, der ist verflucht.“ So machte sich Bileam auf den Weg. Aber plötzlich wollte der Esel, auf dem er ritt, nicht weiter. Denn er sah, was Bileam nicht sehen konnte – einen Engel Gottes mit gezücktem Schwert in der Hand. Drei Mal weigerte sich der Esel, den Weg, den Bileam eingeschlagen hatte, weiter zu gehen. Drei Mal schlug Bileam ihn und immer noch weigerte sich der Esel. Denn er sah, was Bileam nicht sehen konnte.
Warum aber konnten die Augen des Esels sehen, was die Augen des Propheten nicht wahrnehmen konnten? Der Esel ist im deutschen Volksmund ein dummes Tier. Wenn wir Menschen beschimpfen möchten, dann nennen wir sie einen Esel.
Aber in der Thora sieht der Esel plötzlich mehr als der Prophet und versteht auch mehr. Denn der Blick von Menschen, selbst von Propheten, ist völlig von unseren Erwartungen geprägt. Das, was wir nicht erwarten, sehen wir oftmals nicht. Wenn ich meine Brille zum hundertsten Mal nicht finden kann, habe ich sie ja nicht verloren. Ich kann sie nur nicht finden, weil sie da liegt, wo ich es nicht erwarte. Und ich gucke über sie hinweg. So ist es eben auch mit unserer Wahrnehmung von Mitmenschen. „Hast du nicht gesehen, was er mit den Händen getan hat, während er mit dir sprach“, fragen mich meine Freunde manchmal. Und ich kann nur sagen, dass ich nicht sah, was sie wohl gesehen haben. 
Vor allem Tiere können Schritte und Gesten wahrnehmen, die wir Menschen einfach übersehen. Sie sehen die kleinste Bewegung in einem Gebüsch, die menschliche Augen nicht wahrnehmen.
So wie mit den Tieren ist es oftmals auch mit Kindern. Sie haben einen viel direkteren Blick als erwachsene Menschen. Sie sehen und verstehen, was wir nicht mehr sehen, weil wir von unseren Erwartungen geprägt sind.
Wenn wir das große Mysterium, das unsere Umwelt ist, verstehen wollen, wenn wir wissen wollen, was manchmal unsere nächsten Menschen tun und denken, dann genügen unsere eigenen Beobachtungen oftmals nicht. Wir müssen uns bewusst sein, dass unsere Tiere und unsere Mitmenschen, ganz besonders diejenigen, die wir für dumm halten, des Öfteren mehr sehen und verstehen als wir.
Ich habe gesündigt, sagte Bileam, als er endlich verstand, dass der Esel mehr gesehen hatte und über mehr Gotteskenntnis verfügte, als er selbst.
Er hatte gesündigt, weil er nicht die Demut hatte zu erkennen, dass manchmal diejenigen, die wir für dumm halten, mehr wissen und verstehen als wir.

Schabbat Schalom.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des rbb, dort gesendet am RBB 21.6.2013.

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