hauptmotiv

CHAJE SARA

Fremder und Beisass

Auslegung von Rabbinerin Klapheck

Der Wochenabschnitt an diesem Schabbat ist ein Lehrstück in Sachen Integration. Abraham steht vor einer Entscheidung. Bleibt er ein Ger – ein Fremder in Kanaan? Oder wird er Toschaw – ein Einwohner, sozusagen mit unbeschränkter Aufenthaltserlaubnis? Das war die Frage nach Sarahs Tod, als sich Abraham nach einer geeigneten Grabstätte im Lande Kanaan umsieht. Den Söhnen von Chet stellt er sich vor als:
„Ein Fremder und ein Beisass bin ich bei euch – ein Ger we-Toschaw. Gewährt mir ein Erbbegräbnis bei euch, damit ich meine Tote, die vor mir liegt begrabe.“ (23:4)

Ger we-Toschaw – ein Fremder und ein Beisass – das klingt noch ganz unentschieden. Die Söhne Chets, denen formal das Land, in dem sich die Szene zuträgt, zugerechnet wird, verhalten sich zu Abraham Anfrage eindeutig: Natürlich gehörst du hierhin, wir sind sogar stolz, dich bei uns zu haben!
„Ein Fürst Gottes bist du unter uns. In dem besten unserer Gräber begrabe deine Tote; niemand von uns wird dir deine Grabstätte weigern zur Bestattung deiner Toten.“ (23:6)

Man hat es hier mit einem Integrationskonzept der Vereinnahmung zu tun. Zwar bieten die Söhne Chets Abraham ihren ganzen Respekt auf, doch ihr Angebot, Sarah in einer ihrer Grabstätten zu begraben, bedeutet auch eine Assimilation der Neueinwanderer.

Als Ger – als Fremder, mit einer anderen Herkunftsidentität, will Abraham eine eigene Grabstätte, durch die er aber zugleich zum Toschaw, zum anerkannten Bewohner Kanaans wird. Es ist ein komplexes Unterfangen, durch das sich Abraham einerseits in Kanaan eingliedert, sich aber andrerseits die Gesellschaft Kanaans verändern wird. Die Söhne von Chet sind zur Aufnahme Abrahams bereit. Aber auch von ihrer Seite aus reicht es nicht einfach, ihm gratis das beste Stück Land zur Verfügung zu stellen. Es ist ein Geben und Nehmen – es muss physisch, sogar materiell fühlbar werden.

Abraham ist die Höhle Machpela aufgefallen. Sie gehört Ephron. Abraham möchte die Höhle als Grabstätte für seine Sippe kaufen. Hierauf sagt Ephron:
„Das Feld schenke ich dir und die Höhe, die darin ist, schenke ich dir auch; vor den Augen der Söhne meines Volkes schenke ich sie dir; begrabe deine Tote!“ (23:11)

Wer schon mal im Orient gewesen ist, kennt die überwältigende Situation, immer wieder beschenkt zu werden. Doch genau damit, dem Beschenktwerden, bleibt man Gast. Das Feld und die Höhle als Geschenk zu bekommen, würde Abraham weiterhin im Status des Gastes, das heißt immer noch des Fremden, des Ger, festhalten.
Zugleich hat Ephron einen versteckten Hinweis gegeben, wie Abraham die Situation für sich lösen könnte. Ephron spricht nicht nur von der „Höhle“, es ist plötzlich auch von einem „Feld“ die Rede. In der Höhle kann die Sippe Abrahams begraben werden, doch das Feld ist Zeichen dafür, dass die Sippe im Lande lebt und für das Land mitverantwortlich ist. Wenn Abraham in Kanaan seine Toten begraben will, muss er Mitverantwortung für das Land auf sich nehmen – muss er Toschaw werden. Vorbei ist die Zeit, in der er als Nomade mal hier, mal da sein konnte und sich nicht festzulegen brauchte –ber muss Landbesitzer werden. Abraham versteht:
„Ich zahle dir den Preis für das Feld, nimm es von mir an, als dann will ich meine Tote daselbst begraben.“ (23:14)
Nachdem das Geld übergeben ist, heißt es weiter:
„So ward Ephrons Feld zu Machpela, das vor Mamre lieg, das Feld samt der Höhle in demselben, mit allen Bäumen auf dem Felde, die in dem ganzen Bezirke ringsum standen, Dem Abraham zum Eigentum vor den Augen der Söhne Chets, vor allen, die in das Tor der Stadt kamen.“ (23:17-18)

Ab jetzt ist Abraham zuständig für ein Feld mit Bäumen in einem Gebiet mit einer Stadt und einem Tor, in dem Landbesitzer zusammen ihre Probleme regeln. Dies ist nicht nur die formale Integration eines Ausländers in die ansässige Mehrheitsgesellschaft, es ist auch die Verwandlung eines Nomaden zu einem Sesshaften, also: zum anerkannten Mitbürger – und übertragen auch unsere persönliche Verwandlung aus Phasen des Schweifens und Unentschieden-Seins in die Entscheidung, ab jetzt – zusammen mit Anderen – aber eben doch mit einem eigenen Anteil für etwas mitverantwortlich zu sein.


16.11.2015 Artikelarchiv >>
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