hauptmotiv

ACHARE MOT - KEDOSCHIM

Befreiung von Schuld?

Auslegung von Rabbinerin Ederberg

Schuldgefühle kennen wir alle. Selbst wenn wir nichts wirklich Schlimmes verbrochen
haben, so ist der Anspruch doch sehr hoch, eine gute Mutter, Tochter, Partnerin zu
sein. Eines der Mittel, mit dem wir gerne unsere Schuldgefühle bekämpfen, ist, einen
Sündenbock zu finden. Dies tun wir im Persönlichen – wenn nicht mein Chef, Mann,
Nachbar mich blockieren würde, ja dann könnte ich das schon alles schaffen. Und das
geschieht auch in der Politik und im Arbeitsleben, wo ständig Menschen zu
Sündenböcken für die Fehler und Mängel anderer gemacht werden.
Im heutigen Wochenabschnitt Acharei Mot – Kedoschim lesen wir davon, was der
Hohepriester am Jom Kippur, dem Versöhnungstag, im Heiligtum tat, um Israel einmal
im Jahr von aller Schuld zu befreien und zu reinigen. Zu dieser Zeremonie gehört ein
Ziegenbock, der im biblischen Text auch direkt als „Sündenbock“ bezeichnet wird: Der
Hohepriester hat zwei Ziegenböcke vor sich und entscheidet per Los, welchen er auf
dem Altar opfert und welchem er die Hände auflegt, um ihn mit allen Sünden und
Missetaten des Volkes zu belasten und ihn dann in die Wüste zu schicken.
Diese Zeremonie hat der Hohepriester vollzogen, solange es einen Tempel in
Jerusalem gab. Seit seiner Zerstörung vor zweitausend Jahren erinnern wir jeden
Jom Kippur in der Synagoge an diesen Akt. Es gibt kaum Rituale, deren Absicht
einleuchtender wäre. Es bleibt ein genialer Gedanke, alles, was im letzten Jahr falsch
war, was wir verbrochen, verbockt und auch nur nicht geschafft haben, jemandem
aufzuladen und es damit loszuwerden. Nur stellt sich natürlich die Frage, wie das denn
funktionieren kann. Als Bild, als Symbol ist es einleuchtend, aber in der Praxis?
Auch die jüdische Tradition hat viele Fragen zu diesem Sündenbock, denn schon der
biblische Text ist nicht ganz eindeutig. Wird er einfach losgeschickt und in die Wüste
davongejagt, oder wird er bis zu seinem Ziel geführt? Was wäre denn sein Ziel? Die
Wüste, eine Klippe, über die er zu Tode stürzt oder ein gefallener Engel namens
Asasel?
Was könnten denn diese verschiedenen Varianten jeweils bedeuten? Wenn der
Sündenbock einfach in die Wüste gejagt wird, dann hat er gute Überlebenschancen,
wir hätten quasi unsere Sünden der Natur übereignet. Wenn er aber über eine Klippe
gestürzt oder zu Asasel gebracht wird, dann wäre das im ersten Falle nur eine andere
Form des Opfers, das schon der erste der beiden Böcke im Heiligtum erlitten hatte. Im
zweiten Fall aber taucht eine gravierende Frage auf. Es gibt ganz verschiedene
Meinungen, wer oder was dieser Asasel denn sei. Die Rabbinen des Talmud verstehen
es nur als ein anderes Wort für Wüste. Die Mystiker aber, zum Beispiel Nachmanides,
sehen in Asasel einen gefallenen Engel. Warum der Hohepriester aber die Sünden und
Missetaten des Volkes an so einen Wüstendschinn schicken sollte, bleibt ganz unklar.
Der großer Gegenspieler der Mystiker war Maimonides. Er spekuliert nicht über
gefallene Engel in der Wüste. Bei ihm spielt aber die Frage eine viel größere Rolle, wie
diese Reinigung durch den Sündenbock denn funktioniert. Er sagt, dass das
Sündenbockritual dann alle Sünden reinigt, wenn man seine Verfehlungen ehrlich
bereut, wenn man sie aber nicht bereut, dann wird man nur von kleinen Sünden
gereinigt, die großen aber bleiben auf einem liegen. Damit hat Maimonides das
entscheidende Stichwort genannt: Nach jüdischer Auffassung ist das Eingeständnis
der eigenen Schuld ein notwendiger Schritt auf dem Wege der Versöhnung, der
Befreiung von Schuld. Erst wer zugibt, Fehler begangen zu haben, Schuld auf sich
geladen zu haben, der kann sein Verhalten ändern und neu auf Gott und die Menschen
zugehen. Wer aber seine Fehler nicht eingestehen kann, der verstrickt sich immer
tiefer, sodass sich aus eigentlich kleinen Fehlern ein ganzer Rattenschwanz von
weiteren und schwereren Verfehlungen ergibt. Ein drastisches Beispiel unserer Tage
sind die Börsenhändler, die Milliardenschäden erst verursacht haben, als sie viel
kleinere Defizite verdecken wollten.
Das Ritual des Sündenbockes zur Tempelzeit oder die Erinnerung daran in unseren
Tagen kann so durchaus eine Wirkung haben. Denn der Sündenbock drückt unser
Bedürfnis nach Freiheit von Schuld ganz bildlich aus und bringt uns gerade dadurch
unsere Fehler und Verfehlungen ins Bewusstsein, so dass wir sie bekennen und
bereuen können.

08.05.2015 Artikelarchiv >>
Rabbiner & RabbinerinnenStrömungenPositionenBet DinPublikationenLinksImpressum
Bookmark für: Facebook
Home
logo der allgemeinen rabbinerkonferenz

© Allgemeine Rabbinerkonferenz
Meldungen

Rosch Haschana 5778

Optimismus auf einer starken Basis

Rosch Haschana ist für uns Anlass zu einer selbstkritischen ausgewogenen Bestandsaufnahme und zu mutigen Entschlüssen


von Rabbiner Dr. h.c. Henry G. Brandt

"Möge das Jahr mit seinen...

Lesen Sie mehr...

Portrait Rabbiner Henry Brandt


Paraschat Haschawua

SCHABBAT SCHUWA

Auslegung von Rabbinerin Ederberg

Teschuwa in vier Schritten

Gute Vorsätze haben wir Alle, besonders zu Neujahr, aber meist wird nicht viel aus ihnen.
Schon im Begriff der ‚guten Vorsätze‘ schwingt ja mit, dass es eben meist bei den ‚Vorsätzen‘
bleibt und nicht zur Tat kommt. Trotzdem sollten wir nicht unterschätzen, dass schon mit der
Formulierung dieser Vorsätze ein wesentlicher Schritt...

22.09.2017   Lesen Sie mehr...