hauptmotiv

TASRIA MEZORA

Mehr als Hygiene

Auslegung von Rabbinerin Ederberg

Diese Woche lesen wir in den Synagogen die Abschnitte Tasria und Mezora. Inhaltlich passen diese beiden Abschnitte gut zusammen, denn sie handeln beide von Tum’a, von ritueller Unreinheit, die man beispielsweise durch Berührung eines toten Körpers, durch Infektion mit Aussatz oder auch durch Berührung mit Menstruationsblut oder Samenflüssigkeit erwirbt.

Es gibt wenige Themen, die heutzutage auf größeres Unverständnis treffen, als diese biblische Auffassung von Unreinheit, denn sie ist keinesfalls in erster Linie hygienisch als Sauberkeit zu verstehen.

Unsere instinktive Reaktion heute ist es, eine historisierende Erklärung zu geben. Es heißt dann, die Israeliten zur Zeit der Tora wären sich schon bewußt gewesen, daß Krankheiten durch tote Körper oder Blut übertragen werden können. Oder man sagt, daß man bestimmte Phänomene wie Aussatz auf magische Weise, als Strafe Gottes deutete, weil man keine ‚natürliche’ Erklärung dafür gehabt habe.

Das Problem bei dieser Erklärung ist das zugrundeliegende Weltbild. Alles wird unterteilt in solche Phänomene, die man schon vernünftig zu verstehen gelernt hat, und in solche, die man noch nicht verstanden hat und deshalb in ein erfundenes magisches Weltbild einpassen muß. Da die Menschen im Laufe der Geschichte zunehmend mehr verstehen, schrumpft der Bereich des nur magisch zu verstehenden und wächst der des tatsächlich verstandenen. Platt gesprochen behauptet diese Auffassung, daß die Bibel, bzw. die biblischen Menschen sich für alles, das sie nicht verstanden, irgendwelche übernatürlichen Erklärungen ausgedacht hätten.

Aus der Perspektive eines modernen wissenschaftlichen Weltbildes legt sich solch eine Deutung nahe, sie unterschätzt aber die Menschen früherer Generationen. Beim biblischen Konzept der Unreinheit geht es um die Begegnung mit Leben und Tod. Diese geheimnisvollen und ehrfurchtgebietenden Ereignisse werden dadurch aus der Fülle anderer Geschehnisse herausgehoben, dass bestimmte rituelle Verhaltensweisen von uns gefordert werden. ‚Unrein’ macht die Berührung mit Gestorbenen, gleichzeitig gehört es zu den allerersten Pflichten, diese Unreinheit auf sich zu nehmen, denn die Toten, jeden Toten, zu begraben, gehört zu den zentralen Geboten. Unrein macht die Berührung mit Menstruationsblut, mit Samenflüssigkeit und anderen Ausscheidungen bei der Zeugung, wie auch mit Blut bei der Geburt. Zeugung und Geburt aber sind die entscheidenden Schritte für den Anfang des Lebens, sie sind etwas Positives, aus dem Leben der Menschen schlechterdings nicht wegzudenken.

Tum’a und Tohora, rituelle Unreinheit und Reinheit kommen da ins Spiel, wo wir den Geheimnissen des Lebens, der Grenze zwischen Tod und Leben, der Transzendenz, dem Göttlichen näher kommen. So wie man sich dem Tempel als Ort der Gegenwart Gottes mit besonderer Ehrfurcht – im wörtlichen Sinne sowohl mit Ehrerbietung wie mit großer Vorsicht – nähert, so sind auch der Beginn und das Ende des Lebens mit bestimmten Regeln verbunden, um das Leben zu schützen.

Es tut uns gut, in einer Zeit, die das Heilige nur als Projektion von menschlichen Wünschen zu denken vermag und die biblische Vorstellung von Unreinheit nur als Folge noch nicht entwickelter Wissenschaft, daran zu erinnern, daß die Berührung mit dem Göttlichen wie mit Beginn und Ende des menschlichen Lebens mehr als Hygiene von uns verlangt. Die Rituale des Judentums geben uns Formen, mit Leben und Tod angemessen umzugehen.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Norddeutschen Rundfunks, dort gesendet am 20. April 2009.


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