hauptmotiv

PESSACH + SCHABBAT

Frei, um kritisch zu fragen

Auslegung von Rabbiner Sievers

Der Name der heutigen Sendung „Schabbat Schalom“ ist ein bisschen irreführend. Zwar ist heute auch Schabbat, aber es ist auch gleichzeitig Erev Pessach, der Vorabend des Pessachfestes,  und zu dieser Zeit, da Sie dieses hören, sitzen viele schon am Sederabend zusammen im Gedenken an den Beginn des Auszugs aus Ägypten.

Die Ordnung des Sederabends ist in der Haggadah niedergelegt und folgt der antiken Einrichtung des Symposiums; dabei saß man zusammen und besprach beim Essen philosophische Fragen.

Auch wir machen heute Abend nichts anderes. Wenn man die Haggadah etwas genauer betrachtet, wird man bemerken, dass der gesamte Abend so eingerichtet ist, Kinder zum Fragen anzuregen.

Dies kommt im bekannten Musikstück „Mah Nischtana – Was ist der Unterschied“ zum Ausdruck, welches normalerweise vom jüngsten Anwesenden gesungen wird. Fragen zu stellen, ist also ein essentielles Moment dieses Abends.

Die Möglichkeit, Fragen zu stellen, ist auch ein wichtiges Element, um das es an diesem Abend geht: Freiheit.
Vordergründig geht es um die körperliche Freiheit. Das Volk wurde von Pharao geknechtet und versklavt. So war die körperliche Freiheit unabdingbar, und so erinnern wir uns heute Abend an unsere Befreiung aus der Knechtschaft. Neben der körperlichen Freiheit gibt es aber auch noch die geistige Freiheit.

Charakteristisch für geistige Freiheit ist es, dass sie auch im Zustand körperlicher Knechtschaft gegeben sein kann, wie es in der 3. Strophe des bekannten Liedes „Die Gedanken sind frei“ ausgedrückt wird:

Und sperrt man mich ein
im finsteren Kerker,
das alles sind rein
vergebliche Werke.
Denn meine Gedanken
zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei:
Die Gedanken sind frei!

Wie es der zweite Teil dieser Strophe ausdrückt, hat geistige Freiheit auch ihren Anteil an der körperlichen Freiheit. Ohne die Freiheit, denken zu können, ist auch die körperliche Freiheit nur schwer denkbar.

Hier zeigt der weitere Verlauf der Geschichte, dass im Volk der Samen der Freiheit zwar gelegt war, es aber noch der Generation, die nicht mehr in Sklaverei geboren wurde, bedurfte, um die Freiheit in vollstem Umfang zu erreichen. Aber mit der jährlichen Feier des Sederabends und der Weitergabe der Tradition an die nächste Generation wird Sorge getragen, dass es weiter geht.

Ein anderer Aspekt der geistigen Freiheit ist es jedoch, nicht nur denken zu können, was man will, sondern auch sagen oder auch fragen zu können, was man möchte, ohne Furcht, schon hierfür verfolgt zu werden.

Eine wunderbare Geschichte, die die Wichtigkeit des Fragens beschreibt, ist die folgende:

Der amerikanisch-jüdische Nobelpreisträger Isidor A. Rabi wurde gefragt, warum er Wissenschaftler geworden ist. Er antwortete, dass seine Mutter ihn zum Wissenschaftler gemacht habe, ohne es zu wissen. Denn wann immer er von der Schule nach Hause kam, habe seine Mutter ihn nicht, wie die anderen Mütter in dieser Einwanderergegend, gefragt, was er denn heute in der Schule gelernt habe. Nein, sie stellte ihm immer eine andere Frage: „Nu Issi“, fragte sie, „hast Du heute eine gute Frage gestellt“? Dieser Unterschied: Gute Fragen zu stellen, hat mich zu einem Wissenschaftler werden lassen.


Pessach erinnert uns also auch daran, immer kritisch Fragen zu stellen. Dies ist insbesonderen dann von Nöten, wenn Freiheit eingeengt werden soll.

Ich wünsche Ihnen Schabbat Schalom und Chag Sameach.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des NDR, dort gesendet am 6.4.2012.

17.04.2015 Artikelarchiv >>
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