hauptmotiv

TEZAWE

Urim weTumim

Hilfsmittel für prophetische Erkenntnis

Auslegung von Rabbinerin Klapheck

"Und in den Brustschild der Rechtsentscheidung sollst du die Urim und die Tumim legen, und sie sollen auf dem Herzen Arons liegen, wenn er vor den Ewigen tritt, und so soll Aron die Entscheidung für die Kinder Israels ständig auf seinem Herzen vor dem Ewigen tragen." (Sch’mot, 28:30)

Die Parascha „Tezawe“ widmet sich minutiös den Amtsgewändern des Hohepriesters und nennt in diesem Zusammenhang einen mysteriösen Gegenstand, der hart an der Grenze zum Orakel rührt: das „Urim weTumim“. (Ex. 38:30, auch Lev. 8:8) „Urim“ enthält das hebräische Wort „Licht“, „Tumim“ steht für „Vollkommenheit“.
Mit dem „Urim weTumim“ rangen bereits die Weisen der rabbinischen Literatur. Raschi zufolge soll es eine Schrift mit den göttlichen Namen gewesen sein, die sich zur Zeit des Ersten Tempels im Brustschild des Hohepriesters befunden habe. Nachmanides meinte, dass es nicht von den Israeliten selbst angefertigt worden sei, sondern als ein Geheimnis himmlischen Ursprungs allein Moses übermittelt wurde. Bei schwierigen Entscheidungen, vor allem im Hinblick auf Krieg, konnte es dem Befragenden eine Antwort geben. So soll z.B. König David das „Urim uTumim“ befragt haben. (1. Sam. 23)
Vertrauten die Israeliten danach einem Orakel? Schlich sich hier ein heidnischer Aberglaube an die Wirkkraft von Objekten in den Monotheismus Israels ein?
Die Rabbinen wiesen diese Vorstellung scharf zurück. Ihre Ausführungen zum „Urim weTumim“ konstruierten dabei eine interessante Theorie von Offenbarung. Nachmanides zufolge handelte es sich bei der Befragung des „Urim weTumim“ um eine Meditation. Der Frager konzentrierte sich auf die göttlichen Namen. Wenn „heiliger Geist“ auf ihm ruhte, konnte es geschehen, dass einzelne Buchstaben in den göttlichen Namen aufleuchteten. Die mögliche Antwort musste sich der Frager jedoch erst selbst aus den Buchstaben zusammensetzen.
Nachmanides bezog sich auf Maimonides’ zwölf Stufen der Prophetie (More Newuchim, 2. Buch, Kap. 45). Zu den beiden untersten Stufen seien, so Maimonides, alle Menschen befähigt, auf ihnen werde man jedoch noch nicht zum Propheten. Maimonides bezeichnete die zweite Stufe als den „heiligen Geist“. Dem Menschen werde gewahr, dass ihm etwas ins Herz gedrungen und eine andere Kraft in ihm entstanden sei, die ihn antreibe zu reden. Hierzu gehöre das „Urim weTumim“ ebenso wie der Traum, der wahre Gedanken zur Kenntnis bringe. Maimonides, sonst ganz auf den Verstand und die Vernunft ausgerichtet, maß danach dem Irrationalen eine fundamentale prophetische Bedeutung bei. Beides, die Meditation über das „Urim weTumim“ wie der Traum lösen die Kontrolle des Bewusstseins auf und lassen das Unbewusste sprechen. Anders als bei Visionen, die zunächst nur Gesichte haben, vernehme man aus dem „Urim weTumim“ und dem Traum Worte. Sie seien, so Maimonides, jedoch noch keine wirkliche Prophetie, sondern bildeten nur den Anstoß dazu. Echte Prophetie entstehe erst auf den nachfolgenden höheren Stufen – mittels eines Erkenntnisprozesses, bei dem der Prophet aus dem Vernommenen tiefere Einsichten in die Beziehung zwischen Gott und Mensch gewinne und daraus die richtigen Schlussfolgerungen ableite.
Man könnte diesen Prozess auch als eine Übersetzung der Intuition in die Vernunft bezeichnen. Das „Urim weTumim“ erzeugt kein übersinnliches Geschehen. Was funkelt und in aufleuchtenden Buchstaben Hinweise gibt, ist eine in Worten erkennbar werdende Intuition des Fragers. Ein Schild als Medium. Ähnlich wie die Mesusa oder die Tefillin, die selbst keine eigene magische Wirkungskraft besitzen, sondern nur eine äußere Erinnerungsstütze bieten, dient das „Urim uTumim“ als eine Konzentrationshilfe, um die Intuition in vernunftgeleitete Erkenntnis zu übersetzen. Diese „Theorie der Prophetie“, die den Erkenntnisprozess am Unbewussten ansetzt, ohne jedoch einem Glaubensirrationalismus zu verfallen, setzt einen gerade auch für die heutige Zeit bedeutsamen Kontrapunkt zum Glauben an eine angeblich allein auf sich selbst stehende Vernunft.
Manche der Großen scheiterten allerdings schon auf Maimonides’ zweiter Stufe. Der biblische Priester Ewjatar soll sein Amt niedergelegt haben, weil es ihm nicht gelang, eine Antwort vom „Urim weTumim“ zu erhalten. (Sota 48b) Die Rabbinen im Talmud bezweifelten gar die Verlässlichkeit des „Urim weTumim“ und nannten Fälle, bei denen die „Entscheidung“ nicht eingetroffen sei. (Joma 73b) Überdies stellte sich ihnen die Frage, inwieweit sich der jüdische Monotheismus auf äußere Gegenstände fixieren dürfe und damit Gefahr laufe, in Fetischismus und Götzendienst abzugleiten.
Tatsächlich steht die Parascha „Tezawe“ im Zeichen von Äußerlichkeiten mit religiöser Eigenwirkung. Die Bekleidung des Hohepriesters wird nicht nur als Ausdruck seiner Autorität und Amtswürde beschrieben, sondern als Medium, um religiöse Prozesse zu ermöglichen. „Wie die Opfer Sühne schaffen, ebenso schaffen auch die priesterlichen Gewänder Sühne,“ sagt der Talmud und zählt im Einzelnen auf, welcher Teil der priesterlichen Gewänder welches Vergehen sühnt (Sewachim 88b). Aber, so schränkte Raschi ein, der Priester, bzw. seine „heiligen Gewänder“ (28:2) sühnen nicht die Schuld selbst - der Priester „sühnt nur soweit, dass er das Opfer brauchbar macht“ (Raschi zu 36:38), d.h. den religiösen Prozess des von sündhaften Gedanken und Verfehlungen verstrickten Menschen ermöglicht. Die Rabbinen konnten unmöglich in dem in „heilige Gewänder“ (28:2) gehüllten, von Kopf bis Fuß mit Symbolen und Inschriften (Gottesname, die Namen der Stämme, „Heilig dem Ewigen“, usw.) versehenen Priester einen religiösen Zweck an sich sehen: Wer sich allein in die visuellen Symbole versenkt und in ihnen selbst die Gottheit sieht, verfällt dem Götzendienst. Niemals kann im Judentum ein Mensch oder ein Gegenstand Gott repräsentieren, wohl aber sich zum Medium eignen. Die eigentliche Erkenntnisarbeit müssen die Menschen jedoch selbst leisten.

06.03.2015 Artikelarchiv >>
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