hauptmotiv

WAJECHI

Kleiner Bruder - großes Erbe

Warum Jakow dem jüngeren seiner beiden Enkel die wichtigere Bracha erteilt

Auslegung von Rabbiner Pal

Am Ende gilt doch nur, was wir getan und gelebt – und nicht, was wir ersehnt haben«, lautet ein Zitat des jüdischen Schriftstellers Arthur Schnitzler (1862–1931). Es ist uns nicht bekannt, worauf genau sich dieses Zitat bezieht, jedoch von seiner Aussagekraft passt es zu Wajechi, dem Toraabschnitt dieser Woche.

Wir sind am Ende des 1. Buches Mose angekommen. Es hat mit der Erschaffung unserer Welt begonnen und endet mit dem Wegzug der Kinder Israels nach Mizrajim, Ägypten. Dazwischen liegen sehr prägende Ereignisse unserer Geschichte: die Vertreibung aus Gan Eden, die Sintflut, erste Begegnungen mit dem Ewigen, die Entstehung des Glaubens an einen einzigen Gott und wiederum seine Versprechen an unsere Urväter Awraham, Jizchak und Jakow.

Und dazwischen kommen immer wieder eigene, persönliche Erfahrungen mit Gott. Familiäre Tragödien und Schicksalsschläge werden bei unseren Urvätern fast zur Normalität und wechseln sich mit den doch sehr viel seltener vorkommenden positiven, ja gar fröhlichen Erfahrungen ab.

Menschlich

Das 1. Buch Mose schreibt Geschichte – nicht nur die Geschichte der Welt und die unseres Volkes, sondern es ist die Geschichte von Menschen, die wir heute mit Stolz als Begründer des Judentums bezeichnen. Aber wir sehen nicht nur, wie sie als Religionsstifter lebten, sondern wir sehen sie auch auf menschlicher Ebene und erfahren, was sie durchmachen mussten. Gerade unser Wochenabschnitt verdeutlicht die vielschichtigen Beziehungen und Probleme unserer Urväter.

Jakow und seine Söhne sind hinausgezogen aus dem Gelobten Land und ihrem Bruder nach Mizrajim gefolgt, in ein fremdes, unbekanntes Land, das jenseits der Verheißung liegt und in dem ihr verstoßener Bruder es zu höchsten Ehren und Ämtern geschafft hat und trotz all seiner Erfolge ein Fremder blieb. Dort in der Fremde scheinen die Neuankömmlinge auf den ersten Blick ein neues Zuhause zu finden – aber nur auf den ersten Blick.

Beim Betrachten des Wochenabschnitts fällt sofort auf, dass gerade der Patriarch Jakow das neue Land nicht als seine neue Heimat sieht. Sein letzter Wunsch richtet sich an seine Kinder und ähnelt einem Befehl: Jakow möchte zurück ins verheißene Land gebracht werden, man soll ihn in der Höhle Machpela in Hebron beerdigen, am Ort seiner Vorfahren.

Er, der Vater der zwölf künftigen Stämme, weiß, dass seine Kinder nicht für ewig in die Fremde gekommen sind. Und so erwähnt er gegenüber Josef nochmal die Verheißung, dass der Ewige an der Seite der Kinder Israels bleiben und sie zurück ins verheißene Land führen wird.

Fremd

Jakows letzte Begegnung mit seinem Lieblingssohn Josef nimmt eine besondere Rolle ein. Im Gegensatz zu seinen anderen Söhnen, die er vor dem Tod segnet, bekommen Josefs Söhne Efrajim und Menasche einen eigenen Segen. Beide sind im Grunde »fremde« Kinder, denn ihre Mutter ist Ägypterin, sie stehen somit außerhalb der Familie. Doch gerade sie erhalten einen eigenen, besonderen Segen des Patriarchen – Jakow setzt damit ein Zeichen.

Segen spielen im 1. Buch Mose eine wichtige Rolle. Immer wieder wird von Segen gesprochen und wird Segen erteilt. Noach, Awraham und Jizchak bekamen ihren Segen vom Ewigen, genauso wie Jakow in der schicksalsreichen Nacht vor der Begegnung mit seinem Bruder. Aber der Segen seiner beiden Enkel ist ein Höhepunkt.

Jakow verschränkt seine Hände und erteilt seinen Enkeln den Segen. Damit nimmt er sie als seine Nachfahren an – es sind nicht mehr die fremden Kinder, sondern sie sind Teil des Volkes Israel. Indem Jakow die Hände kreuzt, empfängt Efrajim, der jüngere Enkel, den wichtigeren Segen. Josef versucht zu intervenieren, doch Jakow macht es einfach so.

Das Vorgehen erinnert stark an das, was Jakow in seiner Jugend erlebte: Er war es, der den Segen des Erstgeborenen erhielt und nicht sein älterer Bruder Esaw. Wieder einmal wird die Tradition umgedreht und auf den Kopf gestellt: Der Schwächere nimmt die Position des Stärkeren ein, doch es ist nicht Jakows Versehen, sondern eine bewusste Handlung, der eine Prophezeiung folgt: dass nämlich der jüngere Bruder zu einem größeren Volk werden wird als der ältere.

Tradition

Der besondere Segen für den Zweitgeborenen zeigt auch: Das Recht des Erstgeborenen ist nicht unbedingt Garant für den Erfolg. Jakows eigener Werdegang ist ein Beweis dafür. Auch keiner von den anderen Söhnen versucht Jakow daran zu hindern, entgegen der Gepflogenheit zu handeln. Für sie ist das Wort ihres Vaters Gesetz, darüber wird nicht verhandelt.

Jakow begeht einen Traditionsbruch, aber seine Vision von einem starken Efrajim ist stärker als der Brauch. Auch Josefs Rolle in diesem Abschnitt ist eine besondere. Im Gegensatz zu seinen Brüdern werden sein Tod und sein Vermächtnis ganz zum Schluss erwähnt. Sein letzter Wunsch und sein Vermächtnis ähneln denen seines Vaters: Er prophezeit den Auszug aus Mizrajim ins verheißene Land und wünscht sich, in diesem Land beerdigt zu werden. Beide Wünsche gingen in Erfüllung.

Der Wochenabschnitt Wajechi ist nicht nur der Abschluss des 1. Buches Mose, sondern auch das Ende einer Generation. Die Urväter sind dahingeschieden, und wir wissen nicht, was mit dem Volk Israel geschehen wird. Die Urväter und -mütter waren die Stifter der Religion; und die Prophezeiungen, die sie vom Ewigen bekamen, sind zum Teil schon in Erfüllung gegangen. Aber es steht den Kindern Israels noch ein langer Weg bevor, der mit dem Abschluss des ersten Buchs Mose erst beginnt. Doch am Ende gilt nur, was wir getan und gelebt – und nicht, was wir ersehnt haben.


Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung der Jüdischen Allgemeinen, dort erschienen am 12.12.2013.

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