hauptmotiv

WAJISCHLACH

Dämonen der Vergangenheit

Auslegung von Rabbinerin Ederberg

Zwanzig Jahre sind vergangen, seit Jakob aus seiner Heimat geflohen ist. Er war damals vor der Rache seines Bruders Esau geflohen, den er um seinen Vorrang als Erstgeborener und Erbe betrogen hatte. So hatte er sich auch von seinen Eltern trennen müssen, die am Zerwürfnis ihrer beiden Söhne beileibe nicht unschuldig waren. Der Vater Jitzchak, weil er seinen Sohn Jakob liebte, seinen Sohn Esau aber nicht. Die Mutter Riwka, weil sie ihren Sohn Jakob anstiftete und genau dabei anleitete, wie er seinen älteren Bruder Esau um seine Vorrechte betrügen konnte.
Zwanzig Jahre sind vergangen, in denen Jakob sich anscheinend nicht sehr geändert hat. Er hat zwar geheiratet, aber gleich zwei Frauen, die Schwestern Lea und Rachel. Und wie sein Vater nur einen seiner Söhne liebte, so liebte er nur eine seiner Frauen. Wir können uns vorstellen, wie sehr Lea darunter gelitten hat. Er hat zwar Kinder bekommen, aber er liebte Joseph, den Sohn Rachels, mit solcher Einseitigkeit, dass die anderen Söhne Jakobs Joseph später in die Sklaverei nach Ägypten verkaufen werden.
Nach zwanzig Jahren aber ruft die Heimat, ruft die Familie. Jakob will zur Ruhe kommen und macht sich auf den Weg nach Hause. Und plötzlich sehen wir einen anderen, einen erwachsenen und gereiften Jakob, der sich ganz langsam und allmählich aus dem jugendlichen Tunichtgut entwickelt hat. Nachdem Jakob seinen Schwiegervater verlassen hat, schickt er als erstes Boten zu seinem Bruder Esau, die eine genau überlegte Botschaft ausrichten sollen: Er spricht Esau als seinen Herrn an und bezeichnet sich selber als Esaus Diener.
Die jüdische Tradition versteht die Botschaft Jakobs an Esau so, dass Jakob seinem Bruder zeigen wollte, dass der erschlichene Segen sich nicht erfüllt habe. So sagt Raschi: ‚Ich wurde kein Mächtiger und kein Wichtiger, sondern blieb nur eine Fremder. Es ist nicht angebracht, dass du mich hasst wegen des väterlichen Segens, der mich gesegnet hatte ‚Du wirst der Herr Deines Bruders sein‘, denn er hat sich nicht erfüllt‘. Jakob versucht so, im Verhältnis mit seinem Bruder auf die Zeit vor dem Zerwürfnis zurückzukommen.
Könnte man diese Botschaft an seinen Bruder noch als geschickte Politik, als verschleiernde Wortgirlanden  verstehen, so wächst Jakob doch angesichts der direkt vorstehenden Begegnung wirklich über sich hinaus. Seine Boten melden ihm nämlich, Esau komme mit vierhundert Mann zu ihm, einer Streitmacht, der er nichts gegenüberstellen kann. Noch könnte er fliehen, aber er entscheidet sich, zu bleiben und der Konfrontation mit seinem Bruder, der Konfrontation mit seinen eigenen Taten und ihren Folgen nicht auszuweichen. Jakob hat zwar Angst und er versucht auch, seinen Bruder durch Geschenke günstig zu stimmen. Dies ändert aber nichts an seiner grundsätzlichen Entscheidung, sich den Dämonen seiner Vergangenheit zu stellen und die Konsequenzen für sein Verhalten zu tragen.
In der Nacht vor dem Wiedersehen mit Esau kommt es zu Jakobs berühmten Kampf mit dem Engel, der ihm seinen neuen Namen Israel einträgt. Dieser Kampf zeigt, dass Jakob auch vor Gott nicht mehr davon rennt und sich nicht mehr vor seiner Verantwortung drückt.
Was passiert nun als es Morgen geworden ist? Wie geht Esau mit Jakob um, der ihn vor zwanzig Jahren betrogen hatte und ihn mit Eltern allein ließ, die ihn nicht liebten, um die er sich aber trotzdem kümmern musste? Alle Ängste Jakobs erweisen sich als falsch. Als Esau seinen Bruder sieht, läuft er auf ihn zu, umarmt ihn, küsst ihn und weint vor Rührung und Freude.

12.12.2014 Artikelarchiv >>
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