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TOLDOT

Schwäche wird zugelassen

Auslegung von Rabbinerin Ederberg

Auch diese Woche lesen wir in der Tora einen Abschnitt der jüdischen Familiengeschichte. Seit Gottes Aufruf an Abraham, damals noch Awram, aus seiner Heimat aufzubrechen und in das Land zu ziehen, das er ihm zeigen wird, lesen wir, was ihm und seiner Familie widerfahren ist. Die Geschichte, die wir dabei hören, ist beileibe nicht nur die offizielle und geschönte Variante, wie wir sie bei achtzigsten Geburtstagen oder anderen Familienfesten erwarten würden. Eher klingt sie, als stecke eine Urgroßtante noch einmal kurz vor ihrem Tod der versammelten Familie, wie es damals wirklich war, als die verehrten Patriarchen und Matriarchinnen noch in Saft und Kraft steckten, als sie noch nicht zu würdevollen Gestalten im Familienalbum erstarrt waren.

Wer bereit ist, auf Details zu achten, wird schon bei den ersten Worten des heutigen Abschnittes fündig: ‚Dies ist die Geschichte Jitzchaks, des Sohnes Abrahams …‘. Eigentlich ein unverfänglicher Einstieg, aber der nächste Satz beginnt: ‚Jitzchak war vierzig Jahre alt, als er Riwka heiratete‘. Was ist hier alles weggelassen! Jitzchaks Leben begann nicht erst mit vierzig! Denken wir nur an die ‚Akeda‘, die Bindung Jitzchaks, als sein Vater Abraham ihn aus vermeintlichem Gehorsam gegenüber Gott töten wollte. Für Abraham ging die Geschichte gut aus, denn ein Engel hinderte ihn im letzten Moment daran, seinen Sohn zu töten. Wie aber sah es mit Jitzchak aus, der ja mitbekommen hatte, dass sein Vater ihn um ein Haar umgebracht hätte?

Es gibt einige Indizien, dass Jitzchak seelisch nicht unbeschadet aus dieser Erfahrung hervorgekommen ist. Von seinem Leben ist der Bibel bei weitem nicht so viel erzählenswert, wie bei seinen Eltern oder seinen Kindern. Im Familiennarrativ ist er kaum mehr als das Bindeglied zwischen Großvater und Enkel. Er war seinem Vater gehorsam, aber emotional scheint er an seine Mutter gebunden gewesen zu sein und dies später auf seine Frau übertragen zu haben. So lesen wir, dass er seine frisch geheiratete Frau Riwka, in das Zelt seiner verstorbenen Mutter brachte und ihn dies tröstete. Die Bindung an seinen Vater aber brachte keinen Trost. So ist verständlich, dass die Geschichte Jitzchaks erst mit seinem vierzigsten Jahr beginnt. Denn erst nach dem Tod des Vaters ist es seine eigene Geschichte, ist er nicht mehr nur Kind. Offenkundig aber ist es zu spät für ihn, eine eigene Rolle zu finden.

Auch als Jitzchak gegen Ende seines Lebens noch einmal eine wichtige Rolle spielt, ist unklar, in wieweit er handelt oder doch nur ein Getriebener ist. Riwka hat Jitzchak zwei Söhne geboren, Esau und Jakob. Esau ist der Ältere und hat das Erstgeburtsrecht, Jakob aber ist der Liebling der Mutter. Die beiden sind so verschieden, wie Geschwister nur sein können und offenkundig ist auch nicht viel Liebe zwischen ihnen gewesen. Wiederum aber muss man sich fragen, ob hier die Kinder nicht die Fehler ihrer Eltern ausbaden müssen, denn sie befeuern die Rivalität ihrer Kinder von Anfang an. Riwka liebt Jakob, Jitzchak aber zieht Esau vor. In der Geschichte, wie Esau von Jakob um sein Erstgeburtsrecht betrogen wird, erscheint Jitzchak als der Getäuschte. Riwka hatte Jakob angestiftet, seinen Vater und seinen Bruder zu betrügen, indem er sich mit Hilfe eines Felles als sein Bruder ausgab. Hier ist der Eindruck kaum abzuwenden, das Jitzchak sich mehr hat täuschen lassen, als dass er getäuscht wurde.

Angesichts einer so übermächtigen Vatergestalt wie Abraham und einem Sohn wie Jakob, der mit seinen eigenen 13 Kindern der eigentliche Begründer des Volkes Israel war, kann Jitzchaks Leben nur schwach aussehen. Die Stärke der Tora ist gerade, dass sie diese Schwäche zulässt und uns die Wahrheit zeigt.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Norddeutschen Rundfunks, dort gesendet am 20.11.2009.


16.11.2018 Artikelarchiv >>
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