hauptmotiv

CHAJE SARA

Zunge im Zaum

Die jüdische Tradition verbietet es, Schlechtes von anderen weiterzuerzählen – selbst wenn es stimmt

Auslegung von Rabbiner Kucera

Die Paraschat Chaje Sara, das Leben Saras, ist dem Namen ein Widerspruch, weil sie gleich in den ersten zwei Sätzen von Saras Tod spricht. Als ob das Leben und der Tod auf eine geheimnisvolle Weise verbunden wären. Dieses möglicherweise entfernt philosophische Thema stellt auf eine praktische Weise der Midrasch Tanchuma dar. Er füllt eine Lücke in der Tora aus und beantwortet die Frage, warum Sara gestorben ist.

Der Midrasch führt uns geradewegs zu dem Augenblick, als Awraham die Hand mit dem Messer gegen seinen Sohn erhebt und der Bote (Malach) ihn anhält. Just in diesem Moment kommt im erwähnten Midrasch der Widersacher (Satan) zu Sara und zeigt ihr ein Bild von Jitzchak. Sara fragt bestürzt: »Mein Sohn, was hat dein Vater mit dir gemacht?« Und Jitzchak erzählt seiner Mutter lebhaft und hemmungslos: »Mein Vater hat mich auf eine Reise mitgenommen, wir sind durch Berge und Täler gegangen, bis wir einen hohen Berg erreicht haben. Da hat er einen Altar aufgebaut, Holz darunter- und mich daraufgelegt, hat das Messer genommen und wollte mich töten. Doch dann hörten wir eine Stimme, die ihm sagte, er solle es nicht tun. Ansonsten wäre ich tot.« Der kleine Jitzchak erzählt und möchte weiter erzählen, doch Sara ist in dem Augenblick dem Midrasch zufolge umgefallen und gestorben.

GEHEIMNISSE

Der Midrasch klärt gern über versteckte Verbindungen auf oder stellt mögliche Zusammenhänge her. Dadurch werden uns ethische Überlegungen angeboten, besonders wenn wir daran denken, warum der Widersacher Sara Jitzchaks Bild gerade in dem kritischen Augenblick zeigt. Satan hat genau gewusst, wie sich kleine Kinder verhalten: Hemmungslos und naiv plappern sie Geheimnisse und Details aus, die wir lieber nicht erwähnt haben wollen.

Aber hat das Kind etwas Falsches gesagt? Auf keinen Fall. Jitzchak hat lediglich seine wirklichen Eindrücke beschrieben, obwohl er gar nicht voraussehen konnte, welche Katastrophe das bei seiner Mutter bewirkt. Doch gerade damit hat der Widersacher gerechnet und sehr klug, wenngleich sehr falsch, gehandelt. Was lernen wir daraus? Dass wir die Wahrheit oft nicht sagen können, besonders wenn wir ahnen oder sogar wissen, welche negativen Folgen dies hätte.

Dass unter Umständen eine Wahrheit nicht ausgesprochen werden soll, hat in unserer Tradition auch einen Namen: Rechilut. Ins Deutsche wird dies oft mit »Verleumdung« übersetzt, doch das trifft es nicht. Denn bei Rechilut wird im Grunde etwas Wahres erzählt. Zu erwähnen, dass eine Person faul ist, nicht gut kochen kann oder in der Vergangenheit irgendjemand betrogen hat, gehört aber nach der jüdischen Tradition nicht an die Öffentlichkeit. Vielleicht wäre es besser, statt von Verleumdung eher von Diskreditierung oder Ehrverletzung zu sprechen.

TALMUD

Rechilut geschieht fahrlässig, nebenbei. Wenn dahinter eine Absicht steckt, spricht man von »Laschon hara«, übler Nachrede. Sowohl Rechilut als auch Laschon hara verbreiten eine wahre Nachricht. Dem Talmud nach ist es eines der größten Verbrechen, das die drei Kapitalverbrechen Götzendienst, Mord und sexuelle Immoralität sogar noch übertrifft. Trotzdem behauptet der Talmud, kein Mensch entgehe dieser Sünde.

Es ist ein eindringlicher und aktueller Imperativ an uns alle. Wir alle mögen Rechilut und versuchen, sie immer zu rechtfertigen. Im Talmud wird auf dieses Thema immer wieder hingewiesen: Rechilut (oder Laschon hara) ist schlimmer als die Waffen, die nur am unmittelbaren Ort töten. Doch wenn ein Verleumder in Rom spricht, tötet er in Syrien. Oder anders ausgedrückt: Er schreibt eine E-Mail in Berlin und tötet in Freiburg. Dem Talmud nach gleicht Rechilut einem Schlangenbiss, der an einem Glied geschieht, den aber alle anderen Glieder als Schmerz wahrnehmen. Eine Person äußert ganz unauffällig eine Rechilut – und wirbelt damit die halbe Gemeinde auf.

Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung der Jüdischen Allgemeinen, dort erschienen am 28.10.2010.

21.11.2014 Artikelarchiv >>
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