hauptmotiv

RE'EH

Götzendienst

Immun gegen Verführungen
Warum wir heute keine Standbilder und Altäre mehr zerstören müssen

Guter Rat ist teuer, sagt der Volksmund und bezeichnet damit den Fingerzeig eines erfahrenen Menschen an einen weniger Erfahrenen. Zu verstehen ist ein Ratschlag immer mit der Wissensweitergabe von bereits Erlebtem. Nun ist aber nicht jeder Mensch immer gleich erfahren und begabt, einem anderen Menschen einen vernünftigen Ratschlag zu geben. Darum ist es immer eine Frage des Vertrauens, Ratschläge zu bekommen und anzunehmen. Dementsprechend ist ein guter Ratgeber oft viel wert. Das ist der Grund, warum wir uns lange und genau überlegen sollten, von wem wir einen Rat annehmen möchten.

Die Paraschat Re’eh handelt unter anderem von falschen Propheten, also schlechten Ratgebern. Wenn wir an Propheten denken, stellen wir uns übernatürliche und mächtige Persönlichkeiten vor, jemanden wie zum Beispiel Mosche, der die Kinder Israel aus Ägypten geführt hat. Aus der gegenwärtigen Sicht ist ein Erleuchteter in unserer Vorstellung eine Person, die vorhersagt, was in der Zukunft geschehen wird.

Der eigentliche Begriff des Propheten in der Tora (wenn wir uns Mosche betrachten) ist aber nicht nur jemand, der die Zukunft weissagt, sondern uns auch anführt. Mosche war in erster Linie ein Verkünder des göttlichen Willens, ein Anführer der Kinder Israel. Erst später erleben wir ihn in der Tora als jemanden, der uns die Zukunft prophezeit. In der heutigen Zeit haben wir diese Form der antiken Weisen, der Wortverkünder Gottes, nicht mehr. Vielleicht brauchen wir einen solchen Propheten auch nicht mehr – wegen unseres Erfahrungsschatzes, den wir im Laufe der Zeit zusammengetragen haben.

Deutung

Manche werden jetzt vielleicht sagen: Wäre ein Weissager für uns nicht doch von Vorteil? Jemand, der uns genauso wie Mosche mahnt, der eine wichtige Position in einer Gesellschaft einnehmen würde? Ein für uns perfekter Ratgeber und Anführer? Wenn wir die Tora lesen, erfahren wir viel über Weisungen und Mahnungen aus damaliger Zeit. Gott ist sehr streng mit uns, und Sünden werden hart bestraft. Ab einem gewissen Zeitpunkt ließ Gott uns aber allein, mit all Seinen Weisungen und Anordnungen. Er gab uns dadurch die Möglichkeit, unseren eigenen Weg zu finden und unsere eigenen Vorstellungen zu verwirklichen.

Das ist natürlich eine höhere Bürde, eine höhere Verantwortung, die es uns all die Jahrtausende nicht leicht gemacht hat, die wir als Volk durchlebt haben. Zumal auch innerhalb des Judentums die Diskussionen und Dispute nicht kleiner geworden sind. Und so wird es mit Sicherheit auch heute noch einige Unstimmigkeiten geben, wenn wir uns anschauen, was in unserem Toraabschnitt eigentlich alles geschrieben steht.

So lesen wir unter anderem eine Anweisung über Götzen, die wir im Lande Kanaan vorfinden werden. Der Ewige befiehlt uns, diese »auszutreiben« und ihre Altäre zu zerbrechen, gar zu vernichten – die Bilder ihrer Götter förmlich auszulöschen, damit wir ihnen nicht folgen sollen.

Zerstörung

Den Götzendienst, wie er in der Tora beschrieben wird, erleben wir in der heutigen Zeit nicht mehr. Doch es gibt auf dieser wunderschönen Erde, auf der wir uns befinden, nicht nur monotheistische Religionen, sondern auch andere Glaubensrichtungen.

Wir erinnern uns in diesem Zusammenhang auch daran, dass es radikale Monotheisten waren, die 2001 die größten Buddha-Statuen in Afghanistan zerstört haben. Sie handelten einer Anweisung zufolge, wie wir sie genauso auch in unserer Tora vorfinden: Mit der Zerstörung aller nach ihren Vorstellungen verbotenen Götzenbilder. Was ist also der Unterschied zwischen ihnen und uns? Die Anweisungen in der Tora sind sehr strikt und lassen keinen Spielraum. Doch warum sollten wir dennoch davon absehen, in unserem Umfeld genauso alles Fremde zu zerstören?

Betrachtet man sich den Israeliten, der in das fremde Land Kanaan einwanderte, der selbst zuvor in Ägypten gelebt hatte und viel von dessen »unmenschlichen« Kulten und Religionen mitgenommen hatte, so ist vielleicht diese Anweisung Gottes anders zu verstehen. Sie sagt uns im Grunde genommen, dass wir nicht noch einmal diesen geistigen Schritt zurückgehen sollen nach Ägypten, in die Barbarei der Götzenverehrung. Dass unsere Religion eine gewisse Menschlichkeit und Würde mit sich führt und wir dieses Unmenschliche daraus tilgen sollen. Vergessen wir nicht: Anderen Göttern zu dienen, hieß seinerzeit unter anderem, Menschen zu opfern.

Fortschritt

Doch der heutige Mensch kämpft nicht mehr gegen diese Art von Götzen, die einst so drakonisch vernichtet werden sollten. Er ist weiter an Erfahrung und Wissen. Deshalb betrachten wir andere Religionen mittlerweile aus einem völlig anderen Blickwinkel. Sie bergen nicht mehr die Gefahr, uns zur Unmenschlichkeit zu verführen, wie sie einst in der Antike vorherrschte. Wir als Juden sind einen beträchtlichen Weg gegangen und haben auf die eine oder andere Weise unsere Tora verinnerlicht, sie zum Teil unseres Wesens werden lassen. Auch wenn uns das vielleicht auf den ersten Blick nicht immer ganz bewusst ist.

Doch um uns daran zu erinnern, woher wir gekommen sind und was es braucht, um zu dem zu werden, was wir heute sind, ist der Austausch und das Studium der Tora unabdingbar. Das schließt natürlich auch die Diskussionen ein, die von Generation zu Generation geführt wurden und uns erst mit der Tora unsere Menschlichkeit bewahren ließen.

Das ist natürlich kein Prophetenersatz, aber es ist die Freiheit und das Wissen, aus dem Gelernten vernünftige Schlüsse zu ziehen, die wir einst vor so langer Zeit von Gott über Mosche durch die Tora erhalten haben. Somit bleibt die Tora unser ständiger Wegbegleiter und Ratgeber, dem wir unser Vertrauen vor so langer Zeit ausgesprochen haben.


Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung der Jüdischen Allgemeinen, dort erschienen am 1.8.2013.

18.08.2017 Artikelarchiv >>
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