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EKEW

Das Tischgebet als jüdische Weltanschauung

„Du wirst essen und satt werden und dann wirst du den Ewigen, deinen Gott, preisen für das gute Land, das er dir gegeben hat.“ – Dieser Vers aus dem heutigen Wochenabschnitt Ekew bildet die biblische Grundlage für das jüdische Tischgebet.

Auslegung von Rabbinerin Ederberg

Auf den ersten Blick erscheint nichts selbstverständlicher, nichts natürlicher als dieser Zusammenhang zwischen dem Land, das den Menschen ernährt, und dem Dank des gesättigten Menschen an Gott. So haben Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten ihrem Gott gedankt.

Hier aber ist nichts selbstverständlich und nichts natürlich. Die Menschen, zu denen hier von Sättigung und Dank gesprochen wird, haben seit vierzig Jahren nichts als Manna und Wasser bekommen. Das Manna hat sie zwar am Leben erhalten, aber nur wenige Verse vorher wird es auch als Plage und Prüfung bezeichnet. Und so wenig das Essen selbstverständlich ist, so wenig ist es auch das Land. Noch ist das gelobte Land nicht erreicht, noch ist die Rede von zukünftigen Genüssen und zukünftigem Dank.

Nicht genug aber, dass hier bloß von Zukunft die Rede ist. Sofort im nächsten Vers wird sie auch schon wieder in Frage gestellt: „Hüte dich, dass du den Ewigen, deinen Gott, nicht vergisst, so dass du seine Gebote, Rechtsvorschriften und Satzungen, die ich dir heute gebiete, nicht tust.“ Die Folge wäre, zugrunde zu gehen wie die Völker, die vor Israel im Lande wohnten, beziehungsweise ja gerade noch ungestört wohnen.

Diesem biblischen Gebot zum Tischgebet nach jeder Mahlzeit zu folgen, war auch in den annähernd zweitausend Jahren selbstverständlich, in denen kaum ein Jude tatsächlich von den Früchten des Landes Israel gesättigt wurde. Tatsächlich wurde eine ganze Weltsicht oder Theologie aus diesem einen Satz entwickelt - „Du wirst essen und satt werden und dann wirst du den Ewigen, deinen Gott, preisen für das gute Land, das er dir gegeben hat.“

Was also hat sich in der jüdischen Tradition aus diesem einen Vers entwickelt?

Jeder echten Mahlzeit – das bedeutet im Judentum eine Mahlzeit, bei der Brot gegessen wurde – folgt heute das ‚Birkat HaMason‘, das Tischgebet. Es findet, der Reihenfolge unseres Verses folgend, nach dem Essen statt und besteht im Kern aus vier Segenssprüchen, die im Laufe der Zeit und bis heute durch Aktualisierungen ergänzt werden.

Der erste Segensspruch weitet den Blick auf die ganze Welt und spricht von Gott, der all seine Geschöpfe ernährt.

Der zweite Segensspruch erfüllt die Forderung unseres Verses, den Dank für das Land Israel und umfasst auch alles Gute, das Gott seinem Volk Israel in der Geschichte getan hat.

Der dritte Segensspruch wendet den Blick in die Zukunft auf noch unerfüllte Verheißungen, das Kommen des Messias und die Herrschaft Gottes.

Der vierte schließlich besteht aus einem fast ekstatischen Gotteslob.

So ist aus einem Dank für das Land, der vielleicht sogar nur für die erste sättigende Mahlzeit im Lande Israel gedacht war, ein umfassendes Gebet geworden, das an Gott als Schöpfer der Welt erinnert, der stets für all seine Geschöpfe sorgt, das auch an die Erwählung Israels und an all das Gute erinnert, das Gott seinem Volk getan hat, vor allem indem er ihm seine Tora als Lebensweisung gegeben hat, und das schließlich in die Zukunft schaut, in der Gott alle seine Verheißungen wahr machen wird und Frieden schafft.

Das jüdische Gebet kennt diesen Dreiklang von Schöpfung der Welt, Erwählung Israels und abschließender Erlösung nicht nur im Tischgebet, sondern auch noch an anderen Stellen des täglichen Gebetes. Das Judentum drückt so sein bleibendes Vertrauen in Gott gerade angesichts der noch nicht erfüllten Verheißungen aus und dankt zugleich für die Gabe der Tora, die uns den Lebensweg in dieser noch unvollkommenen Welt weist.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Norddeutschen Rundfunks, dort gesendet am 19. August 2011.

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